Korrektur zu einem zeitlichen Dreher in Kapitel 3: Die Schwester hat nicht Dienstag früh meinen Verband gewechselt, dies geschah erst am Mittwoch Morgen. Weiter im Geschehen...
Dienstag, 15 Uhr: Es klopfte, eine junge Frau stand in der Tür. Ich war etwas verdutzt, denn da stand Irene. Sie ist eine meiner Trainingspartnerinnen. Sie hatte schon oft von ihrer medizinischen Ausbildung erzählt, aber dass sie nun ausgerechnet hier auftauchte, war legen... es kommt gleich... där! Sie war nämlich der zweite Versuch der Ärzte, zwei Ampullen Blut von mir zu holen. Hätte ich das erste Mal nicht verweigert, hätten wir uns nie getroffen. Doch es sollte noch lustiger werden.
Sie stand also in der Tür und fragte nach einem Herrn Zinke. Denn wir kennen uns alle nur mit Vornamen. Ich sagte: "Na hallo, wen haben wir denn da?" Mich groß anschauend, begann zusammen mit der Stimmenmuster-Erkennung sichtlich in ihrem Kopf die Gesichts-Erkennung zu arbeiten, die nun mein ungewohntes äußeres Erscheinungsbild mit dem 4 Tage-Bart, den fettigen zerzausten Haaren und der Brille ausblenden musste.
Klick. Abgeschlossen. Sie lächelt und kommt sichtlich überrascht zu mir. Was machst du denn hier? fragt sie. Ich erzähle. Sie unterbricht. "Moment, warst du die komplizierte Tibiakopffraktur (Google (bei mir ist wesentlich mehr Metall drinnen, als auf den Bildern)) gestern?" Ich nicke. Sie lacht und sagt: Hmm, dann war ich sogar bei deiner OP dabei, aber habe dich nicht erkannt unter der Maske und den Tüchern, aber auch nicht am Ende, also du abgeschlossen und raus gebracht wurdest. Wir lachten und unterhielten uns noch eine Weile. Sie würde nun täglich mal reinschauen wollen und ihr gab ich natürlich gerne mein Blut. Yay, ich fühle mich fit wie ein... alter Schuh auf dem Meeresgrund.
Übrigens hatte ich seit Dienstag Morgen einen neuen Bettnachbarn(#2), Dominik. Kräftiger Kerl, sehr nett, etwas größer als ich, Sportler, seine Eltern auch Sportler und noch weitaus aktiver und durchtrainierter als er. Er hatte ebenfalls einen Bänderriss in der Schulter erlitten. Anders als bei Bettnachbar #1 war das nicht beim Fußball passiert, sondern beim Snowboarden. Bei ihm lag der Fall recht kompliziert, so dass er befürchtete, dass sich sein Bizeps absenken könnte, falls der operierende Arzt ersatzweise neue Sehnen ziehen müsse und die alten Bänder nicht mehr befestigen könne. Seine OP war gleich am Morgen, unmittelbar nach dem Einzug gewesen. Wie sich später herausstellte, hatte Dr. Hepp auch hier ganze Arbeit geleistet und es sollten keine Probleme zurückbleiben.
Es klopft. Auftritt Physio-Dame: "Sooo, machen wir doch gleich mal ein paar Übungen." Bitte was? Gestern war OP!!! Ich bin noch halb-tot! Das war ihr nur herzlich egal.
Anders als vor zehn Jahren, sind die heutigen Methoden darauf ausgelegt, dass man direkt nach den OPs mit der Physio beginnt, damit der Körper gar nicht erst vergessen kann, wie der korrekte Bewegungsablauf funktionierte.
Nach meiner OP war es offenbar wichtig, zwei Funktionen schnellsten wiederherzustellen: Das Knie komplett durchstrecken, womit die Unterseite des Knies die jeweilige Liegefläche berühren müsste. Und zusätzlich das Knie wieder so weit wie möglich anwinkeln. Wobei Ersteres Prio hatte, weil die Ärzte sonst eine Versteifung des Knies befürchteten.
Und dann kamen die ersten physischen Tiefschläge. Die Physio-Dame streckte mit mir gemeinsam das Bein. Dann sagte sie: "Ihr Fuß steht nun auf der Ferse, die Zehen sollen 90° nach oben zeigen." Doch das ging schonmal kaum. Wenn, dann erreichte ich nur ca. 70° und hatte ein starkes Ziehen in der Wade, als ob ich einen Wadenkrampf hätte.
Danach meinte sie: "Und in dieser Position heben Sie nun das Bein." Gesagt, geta... ähm... *hrrg*... *hrrrrrrg*... *arrrrrmmmmmppppppfjx*... *narf*...
Nichts! Absolut keine Reaktion. Egal wie ich zu drücken versuchte, das Bein bewegte sich keinen Millimeter. Ich kam mir vor wie in Kill Bill, Vol 1., als die Protagonistin im Pussy Wagon sitzt und sich ihre Zehen nach dem langen Koma nicht bewegen wollen. Nur dass es bei mir weniger lustig war, weil sich keinerlei Reaktion abzeichnete.
Ich war überaus besorgt. Die Physio-Dame ließ sich davon nicht beeindrucken. Erst bei der Nachmittags-Physio-Dame am Mittwoch sollte heraus kommen, dass sich mein Wadenmuskel verkürzt hatte.
Die aktuelle Physio-Dame machte noch ein paar unterstützende Arbeiten mit dem Bein und sagte: "So, jetzt laufen wir mal eine Runde."
Ungläubige Blicke meinerseits. Hinter mir stehen bereits meine stylischen schwarzen Ninja-Krücken. Sie erklärt mir, wie man damit aufsteht. Ich stehe auf. Nach 4 Tagen stehe ich das erste Mal wieder. Naja, ich "stehe"... wie so ein Hanghuhn. Mir wird schwindelig, ich bin Stehen nicht mehr gewöhnt. LOL. Erbärmlich. Ich setze mich.
Ich stehe erneut auf. Sie zieht eine in eine große Holzplatte eingelassene Waage heran. Ich solle mich drauf stellen. Denn die Vorgabe vom operierenden Oberarzt war, dass ich das Bein sofort wieder mit 20kg belasten könne. Hievend rücke ich das Bein auf die Waage. 10 Kilogramm. Die Physio-Dame mustert mich und meint: "Na bei Ihrer Statur müssen wir schauen, ob Sie überhaupt auf 20kg kommen." Ich mustere sie und denke: "Ja bei dir würde vermutlich ein Arm dafür reichen." Dann meint sie: "Na gut, reicht erstmal, das ist eher eine Kopf-Sache, dass ihr Körper nicht mehr Last auf dieses Bein legen will."
Sie besteht auf einem Gang nach draußen. Zusammen mit ihrer schnuckeligen Physio-Kollegin mit griechischem Akzent (zwei Köpfe größer als ich...), die sie offenbar anlernt, stehen sie bereit, um mich im Notfall auffangen zu können, geben aber immer an, dass sie das gar nicht könnten. "Schön. Ich sacke dann mal genau hier zusammen, in 3... 2... 1... HA-HA!"
Ich "laufe" nach draußen, mir ist weiterhin blümerant.
Die Physio-Dame erklärt mir, wie ich mit den Krücken welchen Fuß, wann wo wie vorsetzen und die Krücken nachziehen muss. Ich höre hin, höre aber nicht richtig zu - ich reagiere nur. Offenbar richtig.
Wie ein Mann laufe ich tapfer den Gang entla... na ok... wie ein Chihuahua mit gebrochenen Ohren, zittere ich langsam schlurfend den Gang entlang.
Vorbei am Schwesternzimmer (was genau gegenüber von unserem Zimmer liegt) und dann in Richtung... nee, obwohl... reicht... ich gebe an, dass es mir zuviel wird und ich zurück muss, weil ich eine leichte Schwäche über mich kommen spüre.
Wir drehen um. Total fertig von ca. 15m Laufweg und etwas desillusioniert, falle ich ins Bett und schlafe eine Stunde.
Es klopft dreimal. Wir reagieren nicht. Die Tür öffnet sich langsam. Ich blicke in das Antlitz meines Nemesis. Es ist der Unfall-Opi! Und er hat einen Strauß gelbe Nelken dabei. Zittrig schlurft er ins Zimmer, geht zu meinem Nachbarn ans Bettende und fragt nach einem Herr Zinke. Ich winke. Er kommt zu mir an die linke Bett-Seite geschlurft und fragt nochmal: Herr Zinke?
Ja doch...! Ich betrachte ihn nun aus der Nähe. Zittriger Gang, zittrige Stimme, Hörgerät, Ohrhaare, völlig weiß... ohje... der gute Mann ist nicht nur 60, wie vermutet. Der ist 70-80!
Er begrüßt mich und gibt an, wie schwer ich zu finden war, da er von der Polizei nur Finke als Name bekommen hätte. Ja, sicher... wie auch immer.
Er schaut mich an. "Wie geht's Ihnen denn? Geht's Ihnen gut?" Ich will was Sarkastisches antworten, lasse es dann aber doch sein. Nicht dass er noch einen Infarkt kriegt und ich ihn dann beatmen muss. Also ziehe ich einfach die Bettdecke nach rechts weg, offenbare mein Bein im Verband in der Schiene, schaue ihm dabei die ganze Zeit tief in die Augen und raunze: Nein.
Sichtlich berührt seufzt er: Ohje, ohje.
Ich nutze die Gelegenheit für einen zweiten Versuch und frage, mit wieviel km/h er mich denn nun getroffen hat? Und so beginnt er seine verrückte Version des Unfalls zu erzählen.
"Ich bin in Richtung Brücke gefahren. Ich fahre ja nicht mehr so viel, nur noch mit meiner Frau zum tanzen nach Leipzig. Darum fahre ich auch nicht so schnell. Kurz vor der Brücke stand auf der rechten Seite ein parkendes Auto. Ich vermutete einen Blitzer und habe auf 30km/h abgebremst. Und dann sind Sie ganz plötzlich irgendwo von der Seite auf die Fahrbahn gekommen."
Ahja... faszinierend. Vermutlich hat er mein Rücklicht für das parkende Auto gehalten. Würde aber auch keinen Sinn machen, denn er hat mich ja mittig getroffen, statt irgendwohin auszuweichen. Als ich 5 Sekunden vor dem Unfall auf die Brücke zugefahren bin und mich mittig eingefädelt habe, stand da jedenfalls nichts auf der rechten Seite. Sonst hätte ich ja ausweichen müssen. Wenn er den Mist der Polizei erzählt hat und die sich selbst ein Bild anhand der umherliegenden Teile gemacht haben, dürfte er damit sicher (hoffentlich) seinen Führerschein los sein.
Aber dass mich nur 30km/h getroffen haben, überraschte mich dann doch noch. Hätte auf mehr geschätzt. Gut, dass es nicht mehr war. Und dann passierte etwas, mit dem ich nicht (mehr) gerechnet hatte. Er entschuldigte sich. Außerdem fügte er hinzu, dass es ihm in den letzten 3 Tagen so schlecht vor Schuldgefühlen ging, dass er gar nicht mehr schlafen und essen konnte.
Nun... in der Regel hätte mich das schon berührt. Aber der Tatsache geschuldet, dass ich das Opfer war und ihm offenbar soviel Umstände damit bereitet hatte, böswillig überraschend und offenbar ohne jegliche Schuld seinerseits auf seine Motorhaube zu springen und er mit dem Besuch seinen eigenen Seelenfrieden wiederherstellen wollte und davon ausgegangen war, dass es mir bereits wieder gut ging, lies mich das völlig kalt.
Etwas bedröppelt stand er dann herum und wollte seine Blumen in eine Vase stecken. Doch so etwas hatte ich nicht auf dem Zimmer. Er tatterte nach draußen und erschien zwei Minuten später mit einer Vase. Die Blumen waren mit einer Plastikfolie umwickelt sowie verklebt und an den Stielen der Blumen befand sich wie üblich ein kleines Bändchen, um alles zusammenzuhalten. Er tatterte nach rechts an meinem Bett vorbei zum Fenster hin, in Richtung Nachttisch und brauchte zirka 2 Minuten, um die Folie abzubekommen. Nun der Strick. Er greift in seine rechte Jackentasche und zieht etwas heraus. Ich bin unachtsam und schaue nicht genau hin.
Aus den Augenwinkeln sehe ich anschließend, wie er von dem Gegenstand etwas ausklappt. In dem Moment durchzuckt mich ein Blitz und ich bin wieder voll da. Er hat da ein Survival Armee-Klappmesser gezückt und tattert eine ca. 10cm lange Vollstahl-Klinge aus dem Messer heraus. In einer hundertstel Sekunde schießen mir haufenweise Krimis und Serien durch den Kopf, bei dem der Unfallverursacher das Opfer mit dem Besuch täuschend, perfide im Krankenhaus um die Ecke bringt, um ganz banal eventuellen Klagen entgegen wirken zu wollen. Vor dem geistigen Auge sehe ich schon die morgige Schlagzeile im passenden Jugend-Jargon in irgendeiner Zeitung:
Unfall-Opa killt Unfall-Opfa!
Die Zeitlupe vom Unfall ereilt mich wieder. Als ich über die gedankliche Mord-Phase hinweg bin, checke in der nächsten hundertstel Sekunde das Zimmer mit all seinen Gegebenheiten und Gegenständen, sowie den alten Mann und denke mir gleichzeitig verschiedene Varianten aus, wie ich den Opi bei einem vermeintlichen Angriff - ohne das Bein zu nutzen - mit der Vase und den Kabeln der Bettelektronik abwehren und/oder über das Bett ziehen, mit den Krücken ihm in die Kniekehlen gehe und/oder ihn überraschend entgegen komme und mit ein bis zwei Griffen ihn an die Wand hinter ihm und/oder mir klatsche und ihn bewusstlos bekomme, bevor bei mir der Schmerz einsetzen würde.
Ich setzte mich in taktischer Position auf und war zu allem bereit. Normalgeschwindigkeit. Er braucht 15 Sekunden, um das Band abzu-tatter-schneiden. Er klappt das Messer zusammen und steckt es wieder in die Tasche. Blickkontakt gibt es keinen. Er stellt die Vase hin, bewegt sich vom Nachttisch weg, vor das Bett und kommt wieder auf die linke Seite, direkt neben mich in Bauchhöhe. Ungünstige Position. Jeden Atemzug, den er tut, beobachte ich nun - ihn fest anschauend - mein Blick trotzdem auf seine rechte Hand und seine rechte Tasche fixiert. Seine Hand steckt er nun in die Tasche.
Mir einer leichten Paranoia bewusst, stelle ich fest, dass er offenbar noch immer ein starkes Bedürfnis nach weiterer Kommunikation hegt. Ich bin unglaublich angespannt, lasse noch 10 Sekunden vergehen und offenbare dem alten Mann schließlich, dass ich "müde" wäre und noch viel Ruhe von der Operation bräuchte.
Er nickt, scheint in dem Moment aber doch soweit zufrieden zu sein, um ohne weitere Lasten gehen zu können. Er zieht die Hand aus der rechten Tasche. Die Luft knistert vor Spannung, ich hole tief Luft und entspanne dabei. Neben mir kracht ein Staubkorn auf die Decke. Vor dem Fenster fliegt eine Krähe mit 23 Flügelschlägen vorbei, zwölf Kohlensäure-Bläschen platzen in der Tasse auf dem Nachttisch meines Bettnachbarn, vor dem Zimmer schreit eine Frau in Schmerzen gefühlte Minuten auf.
Der Handrücken offenbart sich. Die ersten Knöchel sind zu sehen. Die zweite Reihe Knöchel sind zu sehen. Die Fingerspitzen... kein Messer! Er reicht mir die Hand. Ich drücke fest zu, er reagiert nicht. "Alles Gute" gibt er mehrfach von sich, tattert nach draußen und schließt die Tür. Puuuuuuuuuuuuuuuh. Sachen gibt's, die gibt's gar nicht...
Ich erzähle meinem Bettnachbarn, was passiert war, da er nichts davon mitbekommen hatte und wir lachen noch 10 Minuten drüber. Was für 'ne Fahrt auf der wilden Vorstellungskraft-Maus.
To be continued... nächstes Kapitel: Kreislaufkollaps
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