Freitag der 13., Kapitel 10 - Bürokratieschmerz
Und da war die erste Nacht Zuhause auch schon vorbei. Frisch, entspannt und voller Tatendrang, wache ich nach acht Stunden Schlaf auf und bin bereit für Sonntag, den 22.12.2013.
Denkste.
01:45 Uhr werde ich das erste Mal von krampfartigen Schmerzschüben schweißgebadet aus dem Schlaf gerissen. Aus unerfindlichen Gründen bin ich hypernervös und mir ist schwindelig. Ich setze mich auf, laufe zur Toilette und realisiere langsam, dass diese Schmerzen auch in den Tagen und Nächten des Krankenhauses allgegenwärtig waren. Dort war ich allerdings von den mich umgebenden Faktoren und Abläufen so abgelenkt, dass ich keine Gelegenheit hatte, mich darauf zu konzentrieren.
Lästige laute und andauernde Geräusche drüben, Gerede von Schwester und Patienten dort, Plaudereien mit dem Bettnachbarn da, viele mich besuchende Freunde hier, ständig stürmt jemand herein und will oder bringt etwas - kurzum: Es war immer etwas los. Sieht man ja glaube ich bestens an meinen bisherigen Kapiteln, auch wenn die nur einen Bruchteil der Geschehnisse abbilden.
Und nun war ich die erste Nacht Kevin allein zu Haus. Wunderbare Ruhe, aber allein mit allen Gedanken und Empfindungen. Na wie auch immer, ich musste irgendwie damit klar kommen. Zurück im Bett, lege ich mich wieder hin, die Beine ausgestreckt. Das linke Bein rollt mit dem Fuß in Ruhestellung immer ungewöhnlich weit nach links weg. Die Physios schlossen es auf die Schwellung im Bein. Mir gefiel das nicht, ich wollte es irgendwie stabilisieren. Aber wie?
Ich hole ein Kissen aus dem Wohnzimmer und lege es links neben dem Fuß. Im Krankenhaus hatte ich das so schon erfolgreich mit meiner Hose gemacht. Das Kissen lag gut da, doch den Fuß drehte es weiterhin zu weit nach außen. Egal. Augen zu.
Keine 30 Minuten später wache ich wieder auf. Wieder krampfende Schmerzen.
Ich kürze das mal ab: Die ganze Nacht über wachte ich alle 15-30 Minuten auf, bis ich gegen 5:30 Uhr keine Lust mehr hatte, es weiter zu versuchen. Die einzige Erklärung ist für mich zu dem Zeitpunkt, dass ich im Unterbewusstsein wohl versuche mich im Schlaf zu drehen, was natürlich nicht geht. Zwar konnte ich in einer bestimmten Beinstellung links liegen, das wurde aber nach fünf Minuten anstrengend und schmerzhaft. Rechts ging nicht, auf dem Bauch ging nicht. Irgendwie war mir auch kalt, ich war das kühle Schlafen aus dem überheizten Krankenhaus nicht mehr gewöhnt - auch wenn im Zimmer die Heizung abgedreht war. Ansonsten fühlte sich das Bein unglaublich straff an, als würde es sich in einer riesigen zusammengeschweißten Metallmanschette befinden.
Leider sollte das die nächsten drei Wochen so weitergehen. Jede Nacht eine Tortur, alle 30 Minuten aufwachen, jede Nacht endete gegen 5-6 Uhr. Wie sich in den folgenden Nächten herausstellte, waren viele kleine zusammenspielende Faktoren die Ursache (wobei ich gegen sehr viele nichts tun konnte) und erst in der dritten Woche fand ich die Lösung. Mehr dazu in den folgenden Kapiteln.
Da saß ich nun. Im Morgendunkel, total kaputt und mit Schmerzen. Ich laufe durch die Wohnung und bemerke, dass die Nacht-Schmerzen bei Bewegung besser werden. Dann schmerzt zwar die Bewegung, jedoch in anderer Art. Ziemlich konfus. Bezüglich des Liegens auf der linken Seite fiel mir die Couch ein. Dort könnte ich mich mit der linken Seite ablegen, das Knie über die Kante ragend. Anders herum gedreht, hätte ich die Möglichkeit den Fuß zur Stabilisierung an die Lehne anzulehnen. Leider steht die Couch bei mir quer zum Fernseher, so dass TV schauen beim Ruhen die folgenden Tage eher stressig werden würde und einen steifen Nacken zur Folge hätte. Immerhin würden meine nächsten Tage so aussehen, dass ich ständig zwischen Couch und Bett pendeln würde. Trostlos, aber mehr war nunmal nicht möglich.
Darum lasse ich am Nachmittag einen Freund antreten, der für mich die komplette Couchgarnitur und den Esstisch umstellen muss, damit die lange Couch für längs in Richtung Fernseher zeigen würde und ich problemlos liegen könne. Sieht zwar doof aus, doch der Zweck heiligt da die Mittel.
Aktuell war es noch früh Morgens. Ich esse zum Frühstück ein paar Kekse, mache mir einen Tee, nehme die Medikamente. Dann hieve ich mich zurück ins Bett und schreibe weiter an den Kapiteln. Ich bemerke, dass die Schmerzen besser werden, wenn das Bein länger als 15 Minuten ruhig liegt. Aber wieso hatte ich dann des Nachts diese Probleme? Erwähnte ich bereits, wie konfus das ist? Ruckzuck ist Mittag. Hmm, ich mache mir ein kleines Süppchen, dazu viel Obst und trage es alles zum essen ins Wohnzi... äh... Moment mal... wie bekomme ich die Teller, das Glas und das restliche Zeugs denn ins Wohnzimmer? Verdammt nochmal!? Durch meine eingeschränkte Bewegungsfreiheit und die Krücken, konnte ich nichts transportieren, was größer war als das was in die Hosentaschen passte. Und das war so ziemlich alles. Aaaaaaaah! Also stellte ich meine beiden Bürostühle taktisch im Wohnzimmer und der Küche ab. So konnte ich mich mit beiden in der Mitte des Korridors treffen und hatte die Möglichkeit Teller, Gläser und mehr durch die Wohnung zu schieben.
Viele Stunden verbrachte ich auf der Couch vor dem TV. Durch den fehlenden Nachtschlaf, nickte ich den ganzen Tag über immer mal für eine Stunde weg.
Dann kommt die Nacht. Ich achte darauf, dass das Bein die 15 Minuten ruhig liegt und die Schmerzen leicht nachlassen, damit ich in Ruhe schlafen kann. Weit gefehlt... wieder wache ich alle 30 Minuten vor Schmerz-Krämpfen auf und werfe den Kopf von links nach rechts, wie ein Elefant, der in Gefangenschaft vor Langeweile und Stumpfsinn langsam verrückt geworden ist.
Montag, 23.12.2013: 5:30 Uhr, die Tür fliegt auf und die Schwester kommt herei... äh... Quatsch. Im Dunkeln stürzte ich ohne Brille durch die Wohnung und lege mich mehrmals fast flach. Was für eine bescheuerte Idee. Früher ging das problemlos, aber doch nicht jetzt! Klick, war die Wohnung hell erleuchtet.
Im Laufe des Vormittags kümmere ich mich um all die aufgelaufene Post. Krankenkasse, Berufsgenossenschaft, Diako, Uniklinik, ADAC von der gegnerischen Partei, Reha-Werbung... du meine Güte... ich konnte doch nicht stundenlang am Tisch sitzen und das Zeug ausfüllen...
Also komme ich auf die Idee, mir im Schlafzimmer auf dem Bett eine Kommandozentrale einzurichten. Schnell das zweite Kopfkissen, die Decken und das Laken entfernt - wie trostlos, aber mehr würde hier die nächsten Tage eh nicht laufen - schleppe ich alle Unterlagen herein. Es fehlte noch ein Telefon. Und idealerweise Internet für den Laptop, dann könnte ich die Kapitel direkt aus dem Bett veröffentlichen. Zur Info: Bei mir gibt's weder WLAN, noch Schnurlos-Telefone. Gesagt, getan. Nach einer Stunde bin ich fertig. Was zum... eine Stunde für so ein bißchen Mist verplempert...? Aber wie gestern schon geschrieben, dauert halt alles zehnmal länger.
Viele Dokumente ausgefüllt und Versandfertig gemacht, entdecke ich ein Schreiben vom D-Arzt, dass ich mich am 23.12.2013 zur Weiterbehandlung vorstellen solle. Hmm, dabei wurde mir doch der 27.12. genannt...?! So versuche ich den ganzen Vormittag in der Uni telefonisch bei dem D-Arzt durchzukommen. Erfolglos. Ich rufe einen weiteren Freund an, damit er sich bereit hält, mich an die Uni zu fahren, damit ich persönlich den Sachverhalt klären kann.
In der Zwischenzeit reifte bei mir ein anderer Plan heran. Genug vom stumpfen TV-Geglotze. Ich wollte mir mal wieder ein ordentliches Spiel zu Gemüte führen. Aber am PC sitzen? Nein, lieber nicht. Die Lösung wäre, das Bild vom PC auf meinen großen Flachbildfernseher zu ziehen. An Maus und Tastatur hatte ich ohnehin schon Verlängerungskabel, diese reichten also bereits bis zur Couch.
Zu Info: Der Tower befindet sich bei mir in einem anderen Zimmer, als Monitor/Tastatur/Maus. Deren Kabel kommen also einfach nur aus der Wand, wodurch für mich mit dem Handicap keinerlei Möglichkeit bestünde, an der Verkabelung etwas zu ändern.
Somit könnte ich das Monitor-Signal nur vom DVI-Stecker abgreifen und müsste es auf HDMI-Stecker umsetzen. Ein Signal-Wandler und 5 Meter Kabel müssten her. Da Conrad Elektronik auf dem Weg zur Uniklinik liegt, schaue ich auf deren Webseite nach einem Wandler von DVI-Stecker auf HDMI-Buchse für 5 Euro und ein HDMI-Verlängerungskabel von 5 Metern für 15 Euro. Beides laut Status verfügbar.
Gegen 13 Uhr erreiche ich beim D-Arzt jemanden am Telefon. Verdammt, der Termin des 23.12. galt für die Physiotherapie! Allerdings war mein Termin beim D-Arzt für den 27.12. noch nichtmal hinterlegt, so dass sie mich gleich eintrug. Na bloß gut, dass ich mich gemeldet hatte. Ich solle zwischen 8-10 Uhr vorbeikommen. Eine Physiotherapie ausgesucht, rief ich bei Medica an und sollte das Schreiben aus der Uniklinik faxen, damit sie schauen könnten, ob es gültig wäre. Minuten später telefonieren wir wieder. Da erfahre ich, dass sie mir als frühesten Termin den 24.12. anbieten können. Wow, nicht schlecht. Allerdings wäre dann das Schreiben ungültig und sie könnten es nicht mehr annehmen, da dort der 23.12. ausgeschrieben ist... was zum Henker...
Wieder beim D-Arzt angerufen, sagen die mir, dass sie das Schreiben frühestens am 27.12. ändern könnten. Wieder bei der Physio angerufen, bieten die mir am 27.12. als einzigen Termin 8:35 Uhr an. Ähm... nein! Dann also erst am 30.12. Physio!
Grmpf.
Blöd gelaufen. Nun musste ich die Tage auf jeden Fall überbrücken! Ich rufe beim Kumpel an und sage, dass wir doch nicht zur Uniklinik müssen, ich aber gerne zu Conrad gefahren werden möchte. Er stockt kurz und fragt, ob ich nicht zufällig auf den Kopf gefallen wäre? Am letzten Tag vor Weihnachten mit meinem Handicap in das Getümmel der Innenstadt werfen? Noch bekloppter ging es ja wohl kaum. Aber der Wille war da. Langsam die Treppen herunter, fahren wir los. Die Beine schön hochgelegt, stehen wir vom neuen Rathaus bis zu Conrad ca. 30 Minuten im Stau. Ich war schon davon fertig.
Eine Kreuzung vor Conrad wirft er mich raus und fährt los, denn Parkplätze gab es keine. Ich solle anrufen, wenn er mich an der Stelle wieder abholen soll. Ach war das schön, endlich wieder in der Innenstadt, unter Menschen, wie ein normaler Mensch. Bloß auf Krücken. Alle so sehr gestresst und mit sich selbst beschäftigt, dass mich Behindi keiner groß beachtete. Schon cool.
In Conrad nutze ich zum ersten Mal den Aufzug und humple direkt zu einem jungen Mitarbeiter, nenne die Artikelnummern und will sie mir von ihm bringen lassen. Erste Nummer... "haben wir nicht da"... zweite Nummer... "haben wir nicht da"... aber auf der Homepage... "ja, verfügbar sind sie"... "irgendwo, aber nicht hier in dieser Filiale"...
Aaaaaargh. Ich erkläre ihm, was ich vorhabe, auch in dem Wissen, dass er trotz der Einfachheit des Planes sicher nicht kapieren würde, was ich will. Und siehe da... nachdem er mich einmal durch seine blöde HiFi-Abteilung scheucht und nicht weiter weiß, schickt er mich in die Computer-Abteilung. An der Info steht eine Schlange aus 6 Leuten. Super. Hinter den Kabel-Regalen versteckt sich ein weiterer junger Mitarbeiter und packt irgendwas aus. Den schnappe ich mir. Ich erkläre von vorne. Weil sie in der Filiale offensichtlich keinen Wandler von DVI-Buchse auf HDMI-Stecker hatten, gab es 2 Optionen:
- 5m DVI-Verlängerung Buchse/Buchse + DVI-Stecker auf HDMI-Stecker Wandler
- 5m HDMI-Verlängerung Buchse/Stecker + DVI-Buchse auf HDMI-Stecker Wandler
Der Typ rennt los und drückt mir einen Wandler in die Hand: DVI-Buchse auf HDMI-Stecker. Häh? Na perfekt, so wollte ich es ja ursprünglich. War nur sicher teurer. Ich schiele im vorbei-humpeln auf das Preisschild: 9,99 Euro. Hrmpf.
Ich sage ihm, was für ein Kabel ich brauche und bitte ihn, ob er das holen könnte, weil er angab, dazu wieder in die HiFi-Abteilung zu müssen und ich von den mittlerweile vergangenen 10 Minuten total kaputt war, so dass ich mich zur Aufzug-Tür begab und mich dort anlehnend ein wenig ausruhte. Er gibt noch an, die billigste Variante zu wählen. Oh, wie nett.
Also er zurückkehrt, hat er zwei Verpackungen parat. Einen winzigen HDMI Buchse/Buchse-Wandler und ein normales HDMI-Verlängerungskabel. Na gut, dass kleine Ding würde sicher an die 5 Euro kosten, also nehme ich beides und begebe mich zur Kasse. 10 Leute vor mir. Anstehend, rufe ich beim Kumpel an, dass er schonmal losfährt.
An der Kasse trifft mich der Schlag.
- DVI-HDMI Wandler: 15 Euro.
- HDMI-HDMI Wandler: 17 Euro.
- 5m HDMI Kabel: 18 Euro.
WAS ZUR HÖLLE?! Ihr schwachsinnigen räudigen Hilfsschüler-Berater-Vollpfosten! Von geplanten 20 Euro auf 50 Euro angestiegen!? Mir schießt es durch den Kopf, die Kasse zu verlassen, um eine von meinen beiden oben genannten Varianten herauszusuchen, mit denen ich höchstens auf 30 Euro gekommen wäre.
Doch... meine körperliche Verfassung dümpelte bei einem gefühlten Restwert von 20% herum. Zähneknirschend zahle ich die Summe, lasse mich aufsammeln, nach Hause fahren und schreie nach zwei Dritteln der Strecke: STOP!
Da ich hinten saß und die Beine hochgelegt hatte, war mein körperliches Befinden wieder bei geschätzten 40% angekommen, auch wenn Fuß und Bein sich heiß und geschwollen anfühlten.
Wir fuhren gerade am Kaufland vorbei. Du weißt sicher, was das heißt. Richtig, eine MELONE!
Schnell geparkt, humpeln wir gemeinsam herein, ich klopfe die perfekte Melone heraus, nehme (bzw. lasse nehmen) noch ein wenig anderes Obst mit und schon geht es wieder raus auf den Parkplatz. Draußen schnell noch einen Döner eingesackt (hatte immerhin seit über einem Jahr keinen mehr gegessen), fahren wir endlich nach Hause. Verdammt, die Treppe hatte doch viermal mehr Stufen als beim letzten Mal. Oben angekommen, stecke ich als Erstes alles zusammen. Na immerhin funktionierte es - mit einem glasklaren Bild. Ich werfe den Kumpel mit einem kleinen Obolus raus, esse den Döner, schlafe auf der Couch ein und erwache erst gegen 18 Uhr wieder. Den restlichen Abend habe ich verzockt und war ein wenig besorgt über eine weitere schreckliche Nacht...
Wenn ich da schon geahnt hätte, dass ein Tag folgen sollte, bei dem sich ein neuer Mega-Stau im Bein anbahnte...
To be continued... nächstes Kapitel: D-Arzt-Irrsinn
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Mit freundlichen Grüßen Carsten Zinke - xRes Support - ________________________________________________________ TraSo GmbH Georg-Schumann-Str. 294 D-04159 Leipzig Tel.: +49 341 909 87 45 / Fax: +49 341 909 87 49 E-Mail: c.zinke@traso.de Internet: http://www.traso.de ________________________________________________________ Geschäftsführer: Haiko Gerdes Handelsregister: Amtsgericht Leipzig, HRB 21850