Freitag der 13., Kapitel 21: Der LICON-Tag und ein Abschied
~ Dienstag, 04.02.2014. ~
Schon ist der Geburtstag vorbei... ein Tag wie jeder andere...
Ungefähr 2 Uhr schlafe ich erst ein und 6:30 Uhr klingelt der Wecker. Yay, das war gut durchdacht. Das frühe Bewegungsbad ruft nach mir.
Kurz nach 8 Uhr steige ich aus dem Aufzug und befinde mich sogleich an der Rezeption. Peggy, die Leiterin der Nebenstellen-Physio sitzt da, so dass ich ihr gleich eine Anekdote aus der Vergangenheit erzählen kann, weil nach einigen Jahren eine Zeugin Jehovas an meiner Haustür klingelte, sich als ehemalige Physiotherapeutin meiner Familie ausgab und nun mit mir über Gott sprechen wollte. Während ich da so an der Wechselsprechanlage stand und ihr zuhörte, wollte ich das Gespräch mit der Aussage, dass ich Atheist sei, abbrechen. Doch in diesem Moment fiel mir das Wort nicht ein, stattdessen rauschte mir immer das Wort Antichrist durch den Kopf. Verdammt und zugenäht... das kann ich doch nicht sagen, die fällt tot um!
Peggy lacht und erzählt, dass sie auch schon als Therapeutin eine Zeugin war, aber die Kollegen nie zu bekehren versucht hätte. Ja toll, aber nach ihrem Ausscheiden offenbar die ehemaligen Patienten...
Die Kollegin neben Peggy ist etwas unruhig, vielleicht weil ich ihre Vorgesetzte direkt duze, so dass ich ihr erklären muss, dass es eine Kopie meiner Verordnung gibt, die in ihren Unterlagen abliegt. Das Original liegt halt in der Zentrale. "Na gut, na gut, na gut, dann müssen Sie ja auch nicht unterschreiben." sagt sie. Doch schon, nur auf der Rückseite, wie bisher auch immer, erwidere ich. Während ich unterschreibe, höre ich links neben mir ein: "Na hallo!" und bemerke erst jetzt, dass da nun jemand steht. Ich drehe meinen Kopf nach links und sehe einen dünnen jungen Mann stehen. Moment mal... das Gesicht... aber das passt doch gar nicht zum Körper... oh mein Gott... es ist KUPER!
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| Info-Box für alle Nicht-/Ex-LICONianer |
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| Der einstige Leipziger Immobilien-Riese LICON (2010 > 200 MA), der nach einer Razzia im Oktober 2010, Inhaftierungen, Anklagen, nahezu monatlichen Geschäftsführerwechseln, Mitarbeiter-Abwerbungen mit anschließender Neueingliederung dank Firmenverschmelzungen der alten/neuen Geschäftsführer und dann schließlich monatlichen Entlassungswellen, mittlerweile eine Immobilien-Ameise ist, war mein ehemaliger Arbeitgeber.
| Herr Kuper war einer von vier Geschäftsführern, der seit der Wiedervereinigung im September 2011 für die Entlassungen verantwortlich war, bis es mich dann 2012 erwischte.
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Aber entgegen seiner damaligen geschätzten 120 Kilogramm schien er jetzt nicht mehr zu wiegen als ich. Das war im ersten Moment völlig absurd, ihn so abgemagert zu sehen. Im zweiten Moment allerdings... ebenfalls. Denn er war scheiß-freundlich zu mir und grinst mich da von der Seite an.
Da mein Groll der Firma gegenüber längst verschwunden ist, lasse ich mich jedoch auf ein Gespräch ein und beantworte seine Frage, was denn passiert sei.
Auf dem Weg zur Umkleidekabine geht mir durch den Kopf, dass er zur Zeit meiner Kündigung ständig damit herum prahlte, dass er nun einen Personal-Trainer habe und fünf Stunden am Tag Sport machen würde. Da konnte ich mir damals ein Lachen nicht verkneifen, denn er schaufelte ununterbrochen Pizzen, Lasagnes und anderes ungesundes Zeug in sich herein. Da körperliche Fitness aber zu 60% an der richtigen Ernährung hängt, wirkte diese Aussage damals eher wie eine Farce.
Ich erzähle beim Umziehen meine Geschichte des Unfalls, zu mehr Details lasse ich mich nicht hinreißen. Dann verschwindet er nach kurzer Verabschiedung und ich tapse mit den Krücken vorsichtig zum Bewegungsbad.
Die vorherige Gruppe ist noch drin aber fertig, da begeben wir uns schon ins Wasser. Bis der Therapeut kommt, laufe ich wieder hin und her. Vor und zurück. Auf und ab. Dann geht's regulär los.
Wir beginnen zu üben und nehmen dieses Mal kleine Schwimmbretter, bzw. Badeschilder zu Hilfe. Diese müssen wir unter beiden Füßen balancieren, dann unter einem Fuß, jeweils ein Knie heben, auf ihnen sitzen und umher-schwimmen oder Kniebeugen mit beiden Beinen machen, wobei der Oberkörper fest steht und sich nur Beine und das Becken bewegt. Immer so, dass das Brett unten bleibt. Bei manchen der alten und dicken Leute klappt das gar nicht, die kriegen das Brett teilweise nichtmal unter Wasser. Bei mir taucht es während der gesamten Einheit nur einmal unkontrolliert auf.
Dann beginnen die Standard-Übungen mit den Ausfallschritten, Knie anheben beim Gehen, Bein nach vorne und hinten schwingen, auf Zehenspitze und Fersen vorwärts bewegen, sowie ein paar Hüpfbewegungen.
Irgendwann sind wir wieder dabei, mit angehobenem Bein den Unterschenkel kreisen zu lassen und dann den Fuß zu kreisen.
Erneut setze ich bei der Übung aus und schüttle nur demonstrativ mit dem Kopf. Diesmal sieht er es allerdings und fragt direkt nach: "Schaffen Sie das nicht?". Ich antworte ihm, dass ich diese Bewegungen nicht machen darf. Er akzeptiert und weiter geht's.
Mit dem Ende der Übungen schlurfe ich gewohnt vorsichtig in die Umkleidekabine, ziehe mich um, lasse mir an der Rezeption ein Taxi rufen und setze mich auf die Stühle neben dem Aufzug.
Da kommt Kuper wieder angelaufen und setzt sich direkt neben mich. Ich will ihn fragen, was er hier eigentlich macht, aber wie spreche ich ihn an. Der Gedanke ist noch gar nicht richtig im Kopf angekommen, da entscheide ich mich, ihn ganz dreist zu duzen.
Er grinst wieder vor sich hin und erzählt, dass er zum Höhentraining dort wäre. Ich frage ihn, ob er für einen Urlaub trainiert, aber er antwortet, dass das für seine allgemeine Fitness ist. Ahja... da hat offenbar jemand eine ausgeprägte Sportsucht entwickelt. Er wird aufgerufen und wir verabschieden uns kurz und knapp.
Nach einem kurzen Boxenstopp Zuhause, geht es auf zum nächsten Ziel, in die Physio. Vicky mobilisiert das Knie, drückt, knetet und schon liege ich wieder auf dem Bauch. Sie ölt die Wade ein, massiert die untere Narbe und den Wadenmuskel. Es schmerzt, ist aber zu ertragen.
Dann holt sie Thera-Band hervor und fesselt mich über die Oberschenkel an die Pritsche. Ich drehe mich zu ihr um und sage, dass sich das ein wenig nach Basic Instinct anfühlt. Dann drehe ich mich ein zweites Mal um und frage sie, ob sie irgendwo ein Messer oder Schraubenzieher versteckt hat. Sie lacht. Dann winkel ich den Unterschenkel auf 90 Grad an; hebe und senke dann den Oberschenkel unter der Last des Bandes.
Ich überlege laut, wo ich das mit dem Schraubenzieher her habe, bis mir einfällt, dass das aus Hotshots - Die Mutter aller Filme stammt. So kommen wir schließlich auf Two and a Half Men zu sprechen. Und Smart-Werbung. Minis. Hin zu BMW M6, Mercedes SLK, Porsche 911 GT3 und Aston Martin DBS, die ich allesamt bei der LICON gefahren bin und enden beim Bugatti Veyron, versenkt in einem See. Schon ist die Zeit um. Ach und geübt habe ich natürlich auch noch!
Mit dem Taxi geht es anschließend in die Uni, um einen neuen Transportschein für die folgenden zwei Wochen Physio abzuholen. Denn der Plan vom Reha-Manager war ja ganz schön, dass ich direkt wieder Straßenbahn fahren und rumlaufen könnte, aber die Realität sah ja doch etwas anders aus. Zum Glück konnte ich ihm das am Telefon nachvollziehbar vortragen, so dass er die zwei Wochen genehmigte.
An der üblichen Rezeption steht nur ein junges Mädel, keine 18 Jahre alt. Ich beginne ihr in sehr simpler Art und Weise auszuführen was ich will und kann ihr förmlich ansehen, wie sie die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und panisch herumläuft. Hmm, dann schlägt sie wirklich die Hände über dem Kopf zusammen und läuft panisch herum. Ich solle doch bitte warten, bis ihre Kollegin wieder kommt, weil sie keeeeiiiiine Ahnung hat, was zu tun ist. Nachdem ich Platz genommen habe, erscheint nach drei Minuten die Dicke aus Kapitel 11. Oh nein...
Laaangsam und deutlich trage ich erneut vor, was ich will. Einen Transportschein für zwei Wochen Physio, hin und zurück... und sie hat keine Ahnung. Also erwähne ich zügig, dass ihre Kollegin bereits so etwas für mich an der Rezeption ausgefüllt hat und habe zusätzlich die Kontakt-Daten zum Reha-Manager auf den Tresen gelegt, falls sie ihn anrufen und nachfragen will, ob das alles stimmt.
Interessanterweise scheint sie mir soweit zu vertrauen und füllt mit meiner Hilfe den Schein aus, weil sie vorliest was sie einträgt und ich ihr - ohne es zu sehen - sagen kann, was da wirklich an welcher Stelle eingetragen werden muss. Bei einer Frage muss sie allerdings ihre Kollegin anrufen, bevor der Transportschein zu den Ärzten zum unterschreiben geschafft wird.
Nochmals nehme ich Platz und wer sitzt mir da gegenüber... Herr Kreft!
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| Herr Kreft war der langjährige Hausmeister der Leipziger Zentrale und Außenstelle sowie einiger Objekte, der erst abgeworben wurde und dann mit der Wiedereingliederung wieder auftauchte.
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Irgendwie war er aber schon immer komisch zurückhaltend zu mir (wobei seine absolut verrückte unverschämte Frau alles toppte), also grüße ich ihn nur kurz. Komisch, die Frau mit der er da ist, ist gar nicht seine Frau. Ob er sich getrennt hat? Die Schwester erscheint scheinbar mit dem Schein umhüllt von Sonnenschein. Äh, ich schweife ab. Ich will ein Tschüss rüberwerfen, aber er schaut nicht mehr zu mir.
Nach insgesamt 15 Minuten bin ich auf dem Rückweg und höre auf dem Weg zu den letzten Treppen viel Geklapper und Geplapper aus der Mensa. Ich überlege direkt hier Mittag zu essen, denn Catering hatte ich für heute keines bestellt. So steige ich vorsichtig die Treppen herab und biege nach links ab zur Mensa. Da unten war es ziemlich voll. Ich studiere den Speiseplan und will gerade die erste Stufe nach unten gehen, da fällt mir etwas ein.
Ich kann da runter gehen und Essen bestellen. Aber wie schiebe ich das Tablett herum? Beziehungsweise: Was mache ich mit den Krücken? Und wie kriege ich das volle Tablett dann an den Tisch??? Aaaah. Sollte mir dann extra jemand zu Hilfe eilen? Aber dann müsste mir erstmal ein Tisch gesucht werden, denn am Rand war alles voll. Und was mache ich, wenn ich fertig bin? Noch jemanden bitten? Das wäre doch erbärmlich... ich will von diesen Fremden kein Mitleid erhaschen. Mein Stolz steht wie eine Mauer vor mir und lässt mich nicht durch. Also drehe ich auf dem Absatz um und laufe draußen zu einem Taxi.
Dort frage ich, ob es möglich ist, dass ich auf normale Rechnung zur Physio gefahren werden kann und dann auf Transportschein von der Physio nach Hause. Gut fünf Minuten muss ich mit dem Vollhonk von Taxifahrer diskutieren, weil er a) es nicht rafft, b) mir nicht glaubt dass ich einen Transportschein habe, aber trotz meiner pausenlosen Erwähnung er nicht in der Zentrale nachfragen will und c) immer wieder meint er kann mich ohne Auftrag von der Zentrale nicht auf Transportschein fahren - was ich ihm wiederum nicht glaube.
Irgendwann gibt er nach und wir fahren los. Nach 200 Metern Fahrt biegt er links ab und wer steht da auf einer Kreuzung mit ein paar Klienten und will gerade ins Auto einsteigen?
Sarah! Sie liest hier auch mit. Hallo Sarah! :)
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| Sarah, ein ganz liebes Mädel, war als BA-Studentin bei der LICON, mittlerweile ist sie dort ebenfalls raus.
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Drei an einem Tag? Das war nun offiziell ein LICON-Tag!
Während wir fahren, schreibe ich ihr schnell ein paar Whatsapps, bis mir auffällt, dass der Taxifahrer einen völlig idiotischen Weg fährt, der mehr Ampeln nicht enthalten könnte, so dass ich mehr zahlen muss, als von der Physio nach Hause - wobei dieser Weg dreimal länger ist. Wir halten an der Physio, er kassiert ab und dann geht's nach Hause. Den ganzen Weg kaut er mir ein Ohr ab, ob das mit dem Transportschein so klappt und bla... bla... bla...!
Am Abend fällt mir ein, dass ich mit Vicky über einen lustigen Splatter-Film gesprochen hatte, mir dessen Titel aber nicht einfiel. Ich google herum und bekomme Tucker & Dave vs Evil ausgespuckt. Bingo.
Dabei tippe ich den heutigen Tag in den Texteditor und mir fällt auf, dass ich Vicky schon oft erzählt habe, wie ich über die Physio berichte und es doch mal fair wäre, wenn sie wenigstens sehen könnte, was ich so von mir gebe. Eine Minute später habe ich sie in den Weiten des Internets gefunden und sehe direkt mal ein paar Bilder von ihrem Pferdchen. Ich frage sie morgen mal.
~ Mittwoch, 05.02.2014. ~
Schon ist er da, der letzte Tag bei der Physio mit Vicky. Ich bin jetzt erst recht sauer, dass mich die Typen beim letzten D-Arzt Termin so bevormundet haben. Naja, ändern kann ich es nicht. Als sie die Tür öffnet und mich anlächelt, ist der Ärger erstmal verflogen. Wir machen diesmal ein paar Übungen neben der Pritsche, bei denen ich zum Beispiel "gerade" stehen muss und dann langsam das Gewicht auf die linke Seite lege, um tatsächlich gerade zu stehen, bis ich vermutlich dann über der Hälfte meines Körpergewichtes bin.
Anschließend knicke ich das rechte Bein leicht ein und lege wie gewohnt das Gewicht nach hinten darauf. Das linke Bein nach vorne gestreckt aufgesetzt, soll ich den aufrechten Oberkörper nach vorne bewegen, dass das linke Bein gebeugt wird und das Gewicht dann dort drauf liegt. Uff, weit komme ich da nicht, denn ab einem gewissen Winkel bemerke ich, wie das Bein instabil wird, weil ich keine Kraft mehr habe das Gewicht darauf zu halten. Gut, die Grenze ist gefunden, also ein paar Mal vor und zurück. Da es anstrengend ist und ich mich konzentriere, stiere ich nur sinnlos an die Kabinenwand. Zumal das Gefühl im Bein ein völlig neues war, wenn auch kein Schmerz. Lustig war auch, dass sowohl Vicky als auch ich in den letzten Tagen bei solchen Übungen nie mitzählten, wir uns dann aber nach einer Weile immer gegenseitig fragten. "Ach, mach einfach noch drei. Oder fünf." :-)
Bei der folgenden Lymph-Drainage kommen wir auf die Pfundige aus dem letzten Kapitel zu sprechen. Warum deren Fortschritt so schlecht und das Bein noch so geschwollen ist... liegt ganz banal daran, dass sie dick ist. Dadurch würde sie die Heilung wohl selbst behindern, weil die Gelenke pausenlos überbeansprucht werden.
Vicky ist mit meinem Verlauf zufrieden, weil es nur noch an der Ferse eine kleine Wassereinlagerung gibt. Ich erzähle ihr davon, dass ich sie im Internet gefunden und ihr Pferdchen gesehen habe und ob es für sie okay ist, wenn ich sie adde. Dadurch hätte sie auch die Gelegenheit die Bruch-Bilder zu sehen. Sie stimmt zu.
Dann sind unsere letzten 50 Minuten schon wieder um. Etwas wehmütig bedanke ich mich für alles, was sie für mich getan hat, denn bei ihr fühlte ich mich sehr gut aufgehoben. wir verabschieden uns, ich ziehe mich an und gehe. Kaum draußen widmet sie sich bereits der folgenden Patientin. Das hat schon etwas von Akkord-Arbeit.
Wir werden uns wiedersehen!
Auch heute habe ich einen kurzen Zwischenstopp Zuhause, bevor ich beim letzten Bewegungsbad aufschlage. Wieder habe ich den Spind ganz außen in der vier Meter breiten Umkleide. Da die Sitzbank nur einen Meter breit ist, macht das bei fünf Leuten die sich umziehen wollen, richtig Spaß...!
Oh schau an, vor dem Schwimmbad steht wieder die kleine Bank, sowie zwei Hocker. Es ist gerade noch eine Gruppe mit dem jungen leicht lustlosen Therapeuten drin, der uns die letzten zwei Male die Anweisungen gab. Noch zwei Minuten, bis unsere Einheit beginnt. Der junge Mann und die Gruppe verschwinden und wir gehen alle ins Wasser. Oh nein, da kommt die Pfundige wieder und stiert uns alle in Grund und... äh... Beckenboden.
Schnell weggedreht, beginne ich Laufübungen zu machen und gehe dann alle Übungen durch, die wir in den letzten Tagen durchgeführt haben... vieles davon geht schon richtig gut. Die Zeit vergeht und es kommt kein Therapeut. Fünf Minuten... zehn Minuten... fünfzehn Minuten... ich übe ohne Pause. Die anderen dümpeln sinnlos in der Whirpool-Funktion herum, werden unruhig und wollen, dass ein Therapeut kommt und schauen sich dauernd gegenseitig an, wer wohl rausgeht. Blöd, wenn man nicht genug Ehrgeiz oder Fantasie oder Erinnerungsvermögen hat, um selbstständig zu üben.
Ich bin der, der am schlechtesten zu Fuß ist... ich gehe bestimmt nicht raus... lasst euch etwas einfallen; geht es mir durch den Kopf. Eine der Damen geht schließlich an die Tür, öffnet sie ein Stück und ruft an die Rezeption, dass uns der Therapeut fehlt. Keine 30 Sekunden später ist er da und entschuldigt sich. Er hatte sich um eine Stunde in der Zeit vertan. Er fragt, ob wir die verlorene Zeit hinten dran hängen können. Alle sind einverstanden.
Wir üben gemeinsam, aber allein. Denn einer der alten Herren und die Pfundige machen alle Übungen ständig falsch. Sie stiert mich auch während der Übungen dauernd an, ich fühle ihre Laserstrahlen-Blicke auf meiner Haut brennen, schaue aber nicht hin. Ich versuche hier etwas zu erreichen!
Die anderen Damen und Herren überholen mich beim Laufen ständig, als ob das ein Wettrennen wäre. Mir ist das gelinde gesagt scheißegal, ich mache in meinem eigenen Tempo und vorallem ordentlich weiter.
Eine der drei Damen, die wie eine alte gegerbte Lederhandtasche aussieht (Sonnenbank for the win) scheint so oft da zu sein, dass sich der Therapeut dauernd mit ihr auseinandersetzt und sie am Ende aller Übungen einen Countdown durch das Schwimmbad grölt. Mittendrin verschwindet eine der Frauen, sie hatte wohl noch einen anderen Termin. Außerdem macht der Therapeut (in meinem Alter, sportlich, rasierter Kopf) ununterbrochen die selben Scherzchen auf Altersheim-Niveau. Die lachen auch dauernd, mir zieht es nichtmal die Mundwinkel nach oben. Oh Gott, waren die alle peinlich...! Damit er nicht zu gefrustet ich, lache ich auch mal.
Die Zeit ist um, er verschwindet.
Die zwei Herren folgen direkt. Keine Nachfolge-Gruppe? Gut, ich übe weiter. Die zwei Damen suhlen sich wieder an der Whirpool-Seite. Ich gehe nochmal die Übungen durch und laufe gegen die blöde Whirpool-Funktion an. Auf und ab. Die Lederhandtasche geht zehn Minuten später, nun ist nur noch die Pfundige mit mir im Becken. Was zum... och nö... na egal, ignorieren und weiter machen.
Ich bin ziemlich genau 55 Minuten im Schwimmbad unterwegs, als plötzlich von der einen auf die andere Sekunde im Knie bei jedem Schritt ein stechender Schmerz auftritt. Sofort breche ich ab, will heraus gehen, da beginnt die Pfundige mich vollzuquatschen.
Nun, für meine Kapitel merke ich mir tagtäglich ins Details, was passiert ist. Doch was sie sagte, habe ich bereits wieder vergessen. Teilweise verstehe ich sie durch das Rauschen auch gar nicht. Ich nicke nur, lächle ein wenig und gehe die Stufen hoch aus dem Schwimmbad. Komischerweise ist außerhalb des Wassers der Schmerz sofort weg. Sie folgt mir und labert mich weiter voll, ich werfe den Bademantel über und stürme wie von der Tarantel gestochen raus. In Zeitlupe. Oder so ähnlich.
Wieder Zuhause, esse ich, will am 20. Kapitel weiter schreiben, bemerke dass ich total kaputt bin und falle sogleich in einen dreistündigen Schlaf. Währenddessen bin ich seit dem Unfall das erste Mal in einem Traum auf Krücken unterwegs. Im Traum befinde ich mich im heimischen Wohnzimmer, habe ich diese allerdings sofort stehen lassen und bin in kleinen Schritten vorwärts gelaufen. Da jegliches Schmerz-Empfinden fehlt, fühlt sich das im Traum jedoch so befremdlich an, dass ich es unterbewusst bemerke, das Traumgebilde einstürzt, ich davon aufwache, eine Sekunde drüber nachdenke, mich rumdrehe und weiter schlafe.
Danach rufe ich bei der Krankenkasse an. Es meldet sich eine Melanie Müller. Was zum... aber das war nicht ihre Stimme. Ich frage nach, ob die Unterlagen von der Uni schon an sie übersendet worden sind. Sie prüft es und verneint. Grrrr, warum dauert das so lange? Haben die das nicht hinbekommen? Naja, ich beschließe abzuwarten. Dann frage ich die Dame am Telefon, ob sie öfters auf ihren Namen und das Dschungelcamp angesprochen wird. Sie lacht und meint: "Hmm, erstaunlicherweise nicht."
Viel später am Abend checke ich endlich mal sämtliche Röntgenbilder und das CT durch. Was zum... Vicky hatte Recht und ein sehr gutes Auge! Schon schicke ich die Add-Anfrage raus. Bei Vergleich der Aufnahmen vom 17.12. zum 08.01. ist deutlich zu erkennen, dass eine der Schrauben sich um mindestens 0,5cm heraus gedreht hat. Quasi genau die, die nun den Huckel bildet. Davon muss ich unbedingt eine Animation basteln! Siehe Anhang.
~ Donnerstag, 06.02.2014. ~
Zurück in die Physio - Teil 491. Vicky ist nicht da, ich würde die letzten zwei Termine bei ihrer Teamleiterin haben. Aber wer ist das? Gegen 14:25 Uhr kommt eine junge Inderin aus dem Zimmer und fragt nach einem Herrn Zeibnitz oder so ähnlich. Meinte sie vielleicht mich? Habe ich Tomaten auf den Ohren? Es meldet sich aber keiner. Und mein Termin ist eh erst 14:40 Uhr. Na egal, ich sitze ich es mal aus.
In den letzten Tagen hatte ich öfters eine Dame mittleren Alters mit Brille und Pferdeschwanz gesehen. Von ihr dachte ich, dass sie die Teamleiterin von PT2 sein könnte.
Erst 14:44 Uhr kommt die Dame aus einem völlig anderen Zimmer, ich war schon leicht unruhig. Oh, es ist doch eine ganz andere Frau, als ich vermutet hatte. Sie hatte ich bisher nur einige wenige Male gesehen.
Sie fängt an das Knie abzutasten, um sich ein Bild machen zu können und fragt parallel, was passiert ist. Ich erwähne die letzten Übungen und was ich sonst so die letzten Tage mit Vicky gemacht habe. Dementsprechend mobilisiert sie dann auch die Kniescheibe, hat aber eine ganz andere Herangehensweise. Schließlich soll ich mich auf die Pritsche setzen, die Beine baumeln herum, da beginnt sie immer wieder manuell das Knie zu beugen und massiert dabei bestimmte Bereiche.
Als sie damit durch ist, soll ich mich auf den Bauch legen und den Unterschenkel anwinkeln. Siehe da, das ging nun weitaus leichter, ich zitterte nur noch beim Absetzen und es erzeugte im letzten Drittel nicht mehr diesen stechenden Schmerz am obersten Ende des Tibiakopfes. Dabei erzähle ich zum dreitausendeinhundertfünfundzwanzigsten Mal ausführlich die Unfall-Details, als sie mich unterbricht und die 20 Minuten manuelle Lymph-Drainage beginnen will, auch wenn sie von sich aus erwähnt, dass die Schwellung eigentlich recht gut aussieht. Erneut erwähne ich Vickys Vorgehensweise, dass wir diese 20 Minuten mittlerweile auf 5-10 Minuten reduziert hatten und dafür länger trainierten.
Kurz überlegt, stimmt sie dem Vorschlag zu und wir übten noch 15 Minuten, bis ich die kurze Drainage bekam.
Mit dem Abschluss meines Termines, fragt sie mich noch, ob sie am morgigen Tag noch eine Praktikantin mitbringen könne, die an mir ein wenig üben kann.
Auf meine Antwort, dass das okay ist, solange diese mir nicht aus Unwissen weh tut, beginnt sie zu lachen und meint: "Nein nein, und falls doch, schreien Sie einfach laut, dann hört sie hoffentlich auf." und grinst dabei.
Weil der morgige Termin allerdings auf zwei Damen aufgeteilt war - nur die manuelle Lymph-Drainage findet bei ihr statt - will sie sich mit der Kollegin aus der PT1 kurzschließen. Denn die 20 Minuten Pause, die zwischen diesen zwei getrennten Terminen lagen, würden sich dafür ideal eignen.
Hey, Vicky hat mich geaddet. Hallo Vicky! :-)
~ Freitag, 07.02.2014. ~
Im gerufenen Taxi sitzt eine Dame, die mich schon gefahren hat und spricht mich sofort aufs Dschungelcamp an und dass tatsächlich mein damaliger Tipp gestimmt habe und Melanie Müller gewonnen hat. Ja eine Leipziger halt. War klar, dass die die Show rockt! Wir unterhalten uns auf der Fahrt noch über einige der Geschehnisse in der Show, schon bin ich da.
Die letzte Physio vor dem Wechsel. Ach, was macht es doch für einen Spaß, als Patient wie einen Pingpong-Ball herumgeworfen zu werden. Keinen!
Da saß ich nun wieder im Gang und warte, dass ich erstmals ins PT1 gerufen werde. Die neue Therapeutin kommt auch dort heraus, nennt meinen Namen, aber wir gehen ins PT2. Dort wartet bereits die Teamleiterin und die Praktikantin. Oh, die Dame mit dem Pferdeschwanz, die ich gestern noch für die Leiterin hielt, ist die Praktikantin. Zu Dritt nehmen sie mich nun in die Mangel.
Zuerst bekomme ich von der Therapeutin aus der PT1 - während ich wieder mal meine Geschichte erzähle - eine Fußsohlen-Massage. Das fühlte sich unglaublich gut an. Zwar waren auch starke Schmerzen im Spiel, diese hielten sich aber mit angenehmen Schmerzen die Waage. Sie erklärt mir, dass die Muskulatur halt nach den vielen Wochen komplett verkrampft ist.
Vorher wollte sie noch den medizinischen Teil in Form einer Befundaufnahme ausfüllen, bis ich sie unterbrach und ihr sagte, dass das mein letzter Tag wäre und sie das nicht mehr ausfüllen bräuchte. Sie gibt an, dass das für die Praktikantin wichtig wäre, hört aber keine zehn Sekunden später auf zu schreiben. Erwischt. :-)
Dann ist die Praktikantin dran. Da ich im Laufe des Termines erwähnt hatte, dass ich noch leichte Probleme beim Treppen-abwärts-steigen hätte, will sie das mit mir durchgehen, reicht mir die Krücken und will mit mir nach draußen gehen.
Ich nehme die Krücken, schaue sie an und frage: In Unterhosen?
Sie wird rot, lacht und gesteht mir dann zu, Hosen und Schuhe anziehen zu können.
Wir gehen nach draußen und ich soll als Erstes nach oben gehen. Allerdings soll ich mich dabei korrekt am Geländer festhalten und beide Krücken in eine Hand nehmen - quasi wie ich es schon seit... Silvester nicht mehr mache... weil ich seitdem mit beiden Krücken die Treppen hoch balancierte. Geht wesentlich schneller. Nur halt runter nicht, da hatte ich noch eine große Unsicherheit.
So wähle ich das rechte Geländer, nehme die rechte Krücke aus der rechten Hand und lege sie horizontal außen an die linke Krücke und umschließe beide fest mit der Hand.
Plötzlich kommt sie zu mir und korrigiert das, packt die außen anliegende rechte Krücke, schiebt sie zwischen mir und linker Krücke durch, so dass ich diese innen anlegen und festhalten soll.
Was zum... was soll denn der Mist? Das ist eine total dämliche Haltung, bei der ich mit dem Finger nun kaum die Krücke umschließen kann, weil sie nur noch knapp in den Fingerspitzen abliegt. Eine Treppe höher wechsle ich daher wieder zurück, als sie kurz nicht hinschaut. Da es nicht an mir als Patient ist, sie auf diesen Blödsinn hinzuweisen, sage ich sonst nichts dazu.
Bei den Übungen fragt sie mich, warum ich nicht den Einzel-Schritt (oder wie auch immer das heißt, wenn man jede Treppenstufe mit beiden Füßen betritt) verwende, sondern den Doppel-Schritt benutzte (ich habe echt die korrekten Begriffe vergessen). Ich antworte ihr, dass ich das bereits seit dem dritten Tag nach der Entlassung so mache, immerhin dauert das bei vier Etagen sonst eeewig. Ihr gefällt das nicht, also üben wir das Stufe für Stufe. Den Fuß weiter vor, den Fuß weiter nach außen drehen. Nicht so wackeln, rechts nicht abstützen, sondern nur festhalten, mehr Gewicht auf den linken Fuß. Viele der Tipps sind gut, aber so bin ich noch nie Treppen gelaufen und werde es sicher auch nicht.
Wir sind ganz oben angekommen, drehen um und es geht nach unten. Hier bemerke ich allerdings, dass die Variante mit einer Krücke wesentlich sicherer wirkt und nehme mir vor, Zuhause auch so zu laufen. Wieder lege ich zuviel Gewicht auf das Geländer, korrigiere ständig und strecke und beuge ordentlich das Bein.
Im 2. OG angekommen, soll ich den langen Gang entlang laufen und wieder zurück kommen. Sie folgt mir mit den Augen auf Schritt und Tritt, hat aber soweit nichts zu beanstanden, außer das der linke Fuß noch sehr unruhig ist, wenn ich ihn aufsetze.
Wieder im Abteil der PT2 geht sie mit mir einige Übungen durch, bei der ich das Gewicht langsam auf die linke Seite lege. Da ich mehrmals meine 29kg erwähnt hatte, die ich im Stand bereits wieder auf die linke Seite gelegt hatte, besorgt sie sich eine Waage und will wissen, wieviel Kilogramm ich denn bei einem Schritt auf die linke Seite lege.
Gesagt, getan. Ich lege den linken Fuß auf der Waage ab, gebe Gewicht darauf und bewege mich mit den Krücken in einem halbwegs normalen Schritt über die Waage. Ach du meine Güte... das waren nur läppische fünf bis zehn Kilogramm!?
So übe ich ein paar Minuten und bemerke, dass die 30 Kilogramm in einem Schritt eine ganz andere Hausnummer sind, denn dafür muss ich richtig doll drücken. Und das war eher unangenehm. Aber so hatte ich endlich mal ein Gefühl dafür bekommen, wieviel Last tatsächlich auf so einem Schritt liegen muss. Also mal abgesehen davon, dass die 30kg nur die Hälfte ist.
Sie massiert zwei Minuten meine Wade, dann soll ich nochmal einen 30kg-Schritt über die Waage machen. Siehe da, das unangenehme Gefühl ist komplett weg.
Dann gibt sie mir noch zwei hilfreiche Tipps auf den Weg. Zum Einen soll ich mich auf die Treppen stellen, die hintere Hälfte der Füße überhängend leicht nach unten in die Fersen gehen und dann auf die Zehenspitzen stellen. Das im Wechsel.
Zum Anderen soll ich einen Tennisball besorgen und mich mit dem linken Fuß leicht darauf stellen und auf ihm umher rollen. Das fühlte sich in etwa wie die Fußsohlen-Massage ihrer Kollegin an, sehr interessant.
Dann bekomme ich noch meine manuelle Lymph-Drainage von der Teamleiterin. Dabei erzählt sie mir die Geschichte von einem Wintersportler, der mit einem Oberschenkelhalsbruch bereits sechs Wochen nach der OP wieder auf der Piste gestanden haben soll. Na wer weiß, was der alles bekommen hat, wenn die Geschichte so überhaupt stimmt.
Nach gut 90 Minuten sind wir fertig, ich verabschiede mich ein letztes Mal, lasse ein Taxi rufen... und es kommt ein Mann in einem leicht desolaten Zustand daher. Solche äußerlich dehydrierten Haut-Mumien stehen normalerweise ganztägig an irgendwelchen Supermärkten mit der Bierflasche in der Hand herum. Und ich könnte schwören, dass mir eine ganz leichte Alkoholfahne ins Gesicht wehte. Aber die Fahrt war soweit okay und der Typ freundlich.
Als ich Zuhause angekommen aus dem Taxi steige, durch die Haustür hüpfe und in den Briefkasten schaue, steigt in mir die Wut auf. Erinnerst du dich an das letzte Kapitel? Wo ich in der Uni an der Rezeption viermal ausführlich erklärt habe, wie sie den Brief von der Ärztin ausfüllen und dann einfach so in den Briefumschlag mit dem Fenster stecken sollen, dass es direkt an die Sachbearbeiterin der Krankenkasse geht?
Nun, sie hatten einen weißen Post-It auf das Dokument geklebt und es mir nach Hause geschickt. Kann denn Dummheit Sünde sein? Wutschnaubend steige ich die Treppen empor, bevor oben angekommen der nächste Schock wartet. Aus dem dreiseitigen Dokument ist ein einseitiges Dokument geworden. RAAAAAH!!!
Rauch schießt aus meinen Ohren, ein pfeifender Dampfkessel ist zu hören. Glaube ich.
Auf den anderen beiden Seiten befinden sich haufenweise sensible Daten! Was haben die verdammten Stümper damit gemacht? Ich springe dank geringerer Gravitation sieben Meter aus dem Stand in Zeitlupe zum Telefon und weiche dabei den Agenten der Matrix aus. Glaube ich.
Doch Freitag, 15 Uhr... erreiche ich dort natürlich niemanden mehr. Obwohl ich zwei Telefonnummern habe und eine Stunde lang im Wechsel sturmklingel, nimmt keiner mehr ab. Toll, darf ich die Wut also mit ins Wochenende nehmen.
Am Nachmittag gehen mir die Worte der Teamleiterin durch den Kopf. Sie hat damit irgendwie neuen Ehrgeiz in mir geweckt. Ich stehe im Bad, setze das linke Bein nach vorne und... ... ... und... bekomme das rechte Bein nicht hinterher gehoben. Verdammt. Immer wieder probiere ich es, aber ohne mich irgendwo abzustützen, bekomme ich es nicht hin.
Gegen 18 Uhr werde ich von einer enormen Erschöpfungswelle überrascht und muss ich hinlegen, versuche aber nicht einzuschlafen. Der Grund dafür war, dass ich zwischen 16-17 Uhr immer wieder von der Küche ins Wohnzimmer und zurück in der Wohnung herum laufe und dabei möglichst wenig Gewicht auf die Krücken und mehr auf das Bein lege.
~ Samstag, 08.02.2014. ~
Der Einkauf läuft wie gewohnt mit der Hilfe eines Freundes, auch wenn ich mich mehr auf das richtige gewichtige Laufen konzentriere, statt auf den Einkauf.
Für den Abend ist bei einem Kumpel, der einen Tag vor mir Geburtstag hatte, eine Party in seinem Garten geplant. Da ich mich allerdings für große Strecken aus Unsicherheit vor möglichen Schwächeanfällen oder überraschenden Schmerzen noch immer nicht alleine heraus traue - erst Recht nicht Nachts - weil ich mit dem Tempo einer Schnecke unterwegs bin, frage ich zwei Freunde, ob sie mich hin und zurück eskortieren könnten.
Gegen 18:30 Uhr holen sie mich ab und ich erfahre, dass sich der Ort kurzfristig vom Garten in die Wohnung verlegt hat und die Grillparty zwei Wochen später stattfinden würde. Also plane ich schnell meine Klamotten um. Von Frostbeulen-Zwiebel auf ordentlichen Style.
Kurz vor 0 Uhr habe ich mich mit einem ordentlichen Schwips nach Hause eskortieren lassen. Ich hangel mich im Bad herum, lasse alles los, alkoholisiert setze ich ohne Angst vor Konsequenzen oder Schmerzen den linken Fuß 20cm vor mir auf den Boden, halte für 2 Sekunden inne... und... ach Scheiß drauf...
Es ist 23:49 Uhr und ich mache meinen ersten Schritt mit rechts und für einen Bruchteil liegt das volle Gewicht auf dem linken Bein. Schon stehe ich im Korridor und laufe ohne Krücken den Korridor entlang. Der Wahnsinn, ich bin überglücklich! Nach fünf Minuten ist der Spaß erstmal vorbei und ich muss wieder auf die Krücken wechseln.
Wenn ich "laufe" schreibe, stellt euch das aber bitte nicht wie ein normales laufen vor. Es ist eher ein stolpern, humpeln, springen oder hatschen eines 90jährigen mit Hüftschaden. Während ich mit dem linken Fuß möglichst ordentliche lange Schritte mache, springe ich mit dem rechten Fuß in winzigen Abständen vorwärts, ohne ihn groß vom Boden abzuheben. Wenn länger als 0,5 Sekunden das Gewicht auf dem linken Bein liegt, durchfährt mich nämlich ein extremer Schmerz.
Aber egal, die ersten Schritte durch die Wohnung ohne Krücken, nur das zählt!
~ Sonntag, 09.02.2014. ~
Bevor die Rückgabefrist meines eigenen Geburtstagsgeschenks abläuft, muss ich mal einen ordentlichen Außentest machen. Also hatte ich mich mit zwei Freunden verabredet, die mich zum zehn Minuten entfernten Sportplatz begleiten sollen. Sozusagen jetzt 20 Minuten entfernt. Nur einer der Freunde kommt vorbei, hat aber einen anderen Kumpel dabei, der die Show nicht verpassen möchte.
Zwei Stunden später sind wir zurück bei mir Zuhause und nehmen beim Kaffee die Auswertung des Materials vor. Ganz gut, aber noch nicht zur Veröffentlichung geeignet. Das Gerät funktioniert zum Glück problemlos in vollem Umfang.
~ Montag, 10.02.2014. ~
Nun denn, ab in das von der Verbundsgenossenschaft zertifizierte Rehabilitationszentrum, aber vorerst zur normalen Physio für die nächsten zwei Wochen.
Ich starte drei Minuten früher, habe aber die Befürchtung, zu spät zu kommen. Doch es passt wunderbar, die Ampeln sind uns gnädig. 15 Minuten vor Terminbeginn stehe in der Anmeldung. Die ältere Dame an der Rezeption ist zwar nett, wirkt aber mit zwei Patienten direkt schon überfordert, so dass ich Platz nehmen muss und zehn Minuten sinnlos herum sitze, bevor ich mich überhaupt erst anmelden kann.
Ich werde kurz eingewiesen, und ziehe erstmals Sportkleidung für die Physio an. Für das Anti-Schwerkraft-Gerät sollte ich außerdem eine kurze Sporthose mitbringen.
Eine Physiotherapeutin stellt sich vor, ich kann ihr Alter absolut nicht einschätzen. Entweder ist sie so alt wie ich, oder zehn Jahre älter. Auch sie nimmt meinen kompletten Unfall und die derzeitigen Probleme und Sorgen auf, bevor die normale Physio startet, sie das Knie mobilisiert, ich mein Gewicht wieder verlagere und bekannte Übungen mache.
Auch sie ist sichtlich überrascht und begeistert, als sie meine Beinbeugung und Beinstreckung ausmisst und ich locker auf 130 Grad komme.
Am Ende der Einheit übergibt sie mich an den nächsten Kollegen im Geräteraum. Und dort steht es, das Alter-G. Die Anti Gravity Treadmill. Stellt euch das als eine Art riesiger Staubsaugerbeutel mit integriertem Laufband vor. Dazu muss ich eine Hose anziehen, die wie ein Stöpsel in die Öffnung oben auf den Beutel passt. Der Beutel hat einen Reißverschluss, genau wie meine Stöpselhose, die ich dann verbinde und schließe. Siehe Anhang.
Dann pumpt das Gerät den Beutel auf und durch den Druck im Beutel werde ich angehoben. Über die Elektronik kalibriert das Gerät sich auf mein Gewicht und so kann es dann von 20% - 100% mein Körpergewicht stemmen und ermöglicht es mir fast ohne Schwerkraft laufen zu können. Ich komme mir vor wie ein menschliches Luftkissenboot.
Aber das Gefühl ist unglaublich und völlig anders als im Bewegungsbad, da es hier keinerlei Strömung und Widerstände gibt. Ich kann Dank des Laufbandes ganz entspannt mit 30% meines Gewichtes geradeaus laufen. Da der Beutel von allen Seiten transparent ist, können die Therapeuten auch jederzeit sehen, ob die Bewegung passt. Nur dass sie aufgrund des geschlossenen Systems nicht aktiv eingreifen können, kritisieren sie.
Während ich laufe, kommt die rothaarige Dame vorbei, die beim letzten D-Arzt Besuch dabei war. Sie begrüßt mich und stellt mich dem anderen Therapeuten als das Wunderkind vor.
Huh? Bitte was?
Sie erklärt, dass bei ihrem Besuch alle so überrascht waren, weil es in der 6. Woche absolut unüblich ist, dass ein Patient mit Kniebruch bereits wieder das Knie komplett beugen und strecken kann. Ich grinse nur, denke mir meinen Teil bezüglich der dritten Woche, ab der ich das wieder konnte und laufe weiter.
Nach fünf Minuten habe ich vom Laufen leichte Schmerzen im Fuß, am Knöchel, in der Ferse und der Wade. Denn bei dem Gehen an Krücken und dem Bewegungsbad hatte ich zwar in den letzten Wochen immer den Fuß ordentlich abgerollt und in den letzten Tagen auch Gewicht darauf gelegt. Doch das hier war etwas völlig anderes. Denn jetzt nutzte ich den Fuß genau so, als ob ich normal laufen könnte. Und das war er einfach nicht gewohnt. In der Wade fehlte dazu die Kraft, darum merkte ich auch sie. 30% Gewicht hin oder her. Trotz des geringen Gewichtes, knicke ich links noch etwas weg. Nach zehn Minuten war ich dann soweit auch erstmal erschöpft und seit zwei Monaten mal wieder etwas verschwitzt.
Es folgt ein normales Geräte-Training. Wir beginnen an der Beinstemme. Die eingestellten 20 Kilogramm drücken sich echt schwer, denn ich schone das kaputte Bein nicht, im Gegenteil. Bei den vier Durchgängen á 15 Wiederholungen beobachte ich immer wieder am linken Knie, wie einzelne Muskelpartien sich entgegen dem rechten Bein im Knie herum-bewegen. Außerdem flutscht ab und zu ein Muskel oder eine Sehne über den Knochen, was sich komisch anfühlt.
Ich wechsle zur Hüftbeuge. Dabei lehne ich mich auf mit den Armen auf eine Schräge und halte mich an zwei Stangen fest. Dann muss ich mit dem kaputten Bein ein Gewicht nach hinten drücken, während das andere Bein leicht angewinkelt auf dem Boden steht. Obwohl nur fünf (!) Kilogramm Gewicht eingestellt sind, zittert das Bein extrem, wenn ich das Bein langsam zurück in die Ausgangsstellung kommen lasse, ohne das Gewicht abzusetzen. Ab dem zweiten Durchgang á 15 Wiederholungen zittert das Bein so stark, dass das gesamte Gerät mit wackelt. Das ist mir total peinlich, aber was soll ich machen? Ich atme aktiv und drücke weiter mit viel Gezittere das Gewicht. Wenn ich den Fuß heraus nehme, kommt ein noch extremerer Entlastungs-Schmerz hinzu, der aber nach fünf Sekunden verschwindet.
Am Ende steige ich auf einen Vorsprung und mache die Treppenübungen, bei der ich überhängend mit den Füßen mich nach hinten fallen lasse und dann auf die Zehenspitzen stelle. Auch hier drei Durchgänge á 15 Wiederholungen.
Dann bin ich fertig. Und bin fertig.
Doch ich habe noch etwas vor. Fünf Minuten Luftlinie entfernt liegt die Uni. Dort wollte ich nun persönlich hingehen und fragen, wo meine Unterlagen abgeblieben sind. Für mich dauert der Weg natürlich zehn Minuten. Auf halbem Wege muss ich unter moderaten Erschöpfungsschmerzen feststellen, dass das eher eine schlechte Idee war. Aber es ist zu spät um umzukehren, also ziehe ich es einfach durch.
Kurze Zeit später stehe ich an der bekannten Rezeption. Ach herrje, das Traum-Duo, die Dicke und die Dürre. In einem bestimmenden Tonfall beginne ich das Gespräch und frage nach meinen Unterlagen mit den sensiblen Daten. Die Dürre wird ungehalten und pampig, will sämtliche Schuld von sich und ihren Kollegen weisen und dass sie nicht hinterherkommen und bla... bla... bla... doch ich lasse nicht locker.
Schließlich bekommen sie heraus, dass es ein BG-Fall ist, sie geht nach hinten, holt einen Ordner und siehe da. Die eifrigen Kollegen konnten mit den Unterlagen nichts anfangen und haben sie abgeheftet. Sie lachen erleichtert, ich lache erleichtert, ob ihrer Unfähigkeit, sich Details keine fünf Minuten merken oder Zusammenhänge logisch kombinieren zu können. Schnell weg hier. An der Cafeteria vorbei in Richtung Mensa laufend, kommt mir jemand entgegen. Wie ein Blitz durchzuckt es mich. Koitz!
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| Info-Box für alle Nicht-/Ex-LICONianer |
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| Dieser Arsch verdient keine größere Erklärung in meinem Kapitel. Es reichen zwei Worte: Sozialinkompetentes Kollegenschwein.
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Der Koitz-brocken läuft in einem Pulk mit drei Leuten vor sich und zwei Leuten hinter sich auf mich zu, mir friert das Gesicht ein und plötzlich labert er mich im Entgegenkommen von der Seite an: "Na, hast dir wohl am Bein weh getan."
Ich grummle bloß laut, schaue weg und gehe weiter, bekomme aber noch mit, wie er stehen bleibt, sich umdreht und mir ein grüßendes "Hallo" hinterher sagt, als ob er ein Gespräch beginnen will. Ich lasse ihn stehen und gehe einfach weiter. Das ist doch unfassbar. Lern endlich mal, über dich selbst zu reflektieren, du Penner. Da ich noch froh über meine erhaltenen Unterlagen bin, zieht mich das zum Glück in keinster Weise runter, so dass ich schnell vor der Uni ein paar Whatsapps rumschicke und ihn dann sofort wieder verdränge. So, genug der Erwähnung!
Nun muss ich wieder zurück zum neuen Physiogebäude laufen. Die Taxifahrer schauen mich ganz komisch an, wieso ich nicht einsteige. Warum ich das mache? Das hatten wir schon: Weil der Transportschein nur von der Physio nach Hause gilt und die Berufsgenossenschaft aus dem Erfahrungsschatz der Taxifahrer wohl so pedantisch sind, dass sie die gefahrenen Kilometer und Summen genau kontrollieren, ob diese immer exakt übereinstimmen. Naja, mittlerweile hatte ich mich eh leicht erholt. Nicht.
Ich rufe an, auf dem Parkplatz steht schon ein Taxi, das sogleich auf mich zufährt und schon bin ich auf dem Weg nach Hause. Der Fahrer hat einen angenehmen britischen Akzent und erzählt Gruselgeschichten von Patienten, die es weitaus schlimmer erwischt hat, um mich aufzumuntern und mir Mut zu machen. Doch es deprimiert mich eher. Weil ich ohnehin meinen eigenen besonderen Weg beschreite, lasse ich mir das aber nicht zu nahe kommen.
Während der Fahrt bemerke ich das schöne Wetter und dass das ideal wäre, um mit meinem neuen Gerät ein ordentliches Video zu machen. Ich esse Mittag, packe den zweiten Rucksack mit allen Gerätschaften und breche auf zum Sportplatz. Mein erster großer und alleiniger Ausflug seit acht Wochen, doch ich bin wild entschlossen. Auf dem Weg dahin schlägt das Wetter schlagartig um. Als ich angekommen bin, ist es wieder bedeckt. Verdammt, aber egal. Das Resultat seht ihr hier: http://youtu.be/03qocCRVGKo
Ich bin vor Aufregung total durchgefroren, habe aber Mütze und Handschuhe mit, ziehe sie an, baue alles ab, verstaue es im Rucksack und begebe mich auf den Rückweg. Dabei spüre ich schon beim Aufstehen und beim Laufen, dass das Bein müde ist und schmerzt. Zuhause lege ich die Beine hoch und spüre den ganzen Abend bei jedem Aufstehen immer wieder eine Art Muskelkater im linken Bein. Obwohl ich gut erschöpft bin, bin ich nicht müde und halte bis zum Abend durch.
~ Dienstag, 10.02.2014. ~
Ich habe mal wieder den Chef des Unternehmens als Taxifahrer. Er nimmt meinen Brief an die Krankenkasse entgegen und will ihn nach meiner Fahrt einstecken.
Bei der neuen Physio bekomme ich mit, dass die dortigen Trainingszeiten eher Richtlinien sind. Denn bis auf die manuelle Therapie mit einem Therapeuten, die innerhalb des Terminplanes fest stattfinden, gestaltet sich das beim Gerätetraining komplett anders.
Laut Plan habe ich erst das Alter-G Training, danach Gerätetraining und dann die manuelle Therapie. Ich bin zehn Minuten eher da, weil keiner an meinen Gerätschaften sitzt, kann ich aber sofort loslegen und gehe meine drei Geräte vom Vortag durch. Mit hochkochendem Ehrgeiz mache ich an allen Geräten 75% mehr Wiederholungen. Wieder zittert das Bein stark.
Im Alter-G aufgepustet, fragt mich die Therapeutin, bei der ich gleich die anschließende manuelle Therapie haben würde, ob ich noch etwas länger als die 10 Minuten machen wolle. Ich stimme zu. Doch nach zwölf Minuten wird das Laufen eher unangenehm, auch wenn es auszuhalten ist. Nach 15 Minuten hören wir auf. Ich bin total fertig. Das Bein, das Knie und die Wade schmerzen an so ziemlich jeder Stelle, die schmerzen kann. Wenn ich jetzt stehe und das Bein strecke, zittert der Muskel rechts über der Kniescheibe unkontrolliert los. Ich soll draußen Platz nehmen und strecke sitzend das Bein. Auch so zittert der Muskel sinnlos herum.
In der manuellen Therapie liege ich auf der Pritsche und muss viele Übungen machen, bei der ich mit dem Bein gegen die Therapeutin andrücke. Sei es die Kniekehle runter drücken, den Fuß anziehen oder wegdrücken und das Bein nicht wegdrücken lassen. Anschließend soll ich mich hinstellen und wieder drückt sie gegen das Bein, ohne dass ich mich wegdrücken lassen soll. Bei jeder kleinsten Anstrengung zittert das Bein extrem.
Schließlich soll ich wieder das linke Bein nach vorne stellen und Gewicht darauf legen. Weiterhin zittert sich das Bein durch die Übung, so dass die Therapeutin abbricht und sagt: "Für heute reicht's erstmal, das Bein ist hinüber."
Und genau das ist es auch. Sowie der Kerl, der oben dran hängt. Heute haben mich die Übungen echt kaputt gespielt. Ich bin VÖLLIG BREIT, krepel den ganzen Nachmittag und Abend vor mich hin und bin zu nichts mehr zu gebrauchen. Komischerweise bin ich nicht müde und mache kein Schläfchen zwischendurch.
Doch mit einem Faktor hatte ich nicht gerechnet... dem Mittwoch...
To be continued... nächstes Kapitel: [Zukünftige Überschrift hier einfügen.]
PS: Habt ihr euch jemals gefragt, was ich mit all den Melonen mache, die ich immer kaufe? Die Antwort findet ihr im Anhang. :-)
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