Freitag der 13., Kapitel 9 - Alltag


Hurra. Irgendwas, der 21.12.2013. Vermutlich Wochenende. Faszinierend, wie durch das Herumliegen die Tage im Krankenhaus komplett an Bedeutung verlieren. Würde einen nicht der tägliche feste Rhythmus belästigen, hätten selbst die Uhrzeiten keine Bedeutung mehr.

Wie vermutet, öffnet sich 6:30 Uhr die Pforte. Zwei Ärztinnen treten mit ihrem üblichen Pulk ein. Eine bewegt sich zu meinem Bett und blickt mich freudestrahlend an. "Moin" huscht über ihre Lippen. Sie fragt wie es mir geht. Den Umständen entsprechend, schon sehr gut. Sie schaut sich das Pflaster an und erkennt durch die Styropor-Ringe keine ausgetretenen Flüssigkeiten. Es hatte sich nur etwas Grind gelöst, der nun an der Klebefläche haftete. Das bestätigte in gewissem Maße meine Vermutung vom Vortag, dass das "schnapp"-Geräusch doch etwas mit den Klammern und dem Pflaster zu tun hatte.
Auch sie wollte natürlich wissen, wie gut ich den Fuß anwinkeln kann, also führte ich es ihr vor. Im Anschluss hebe ich sogleich mein Bein und komme heute früh mühelos auf 60cm Höhe und halte es dort. Ihr schien das außerordentlich zu gefallen, sie fragte sicherheitshalber nochmal nach dem OP-Termin. Hmm, erst 5 Tage waren vergangen.
Zum Abschluss wollte sie die Beugung des Knies begutachten. Ich strecke das Bein so gut ich kann durch. Durch die Schwellung komme ich noch immer nicht komplett runter, aber das macht nur noch ca. 1cm aus. Anschließend ziehe ich das Knie zu mir heran und erreiche einen Winkel, der locker nach 100 Grad oder mehr aussieht.

Sie schaut aufmerksam zu und sagt freudestrahlend: "Zack, mehr als 90 Grad aus der Kalten. Sehr gut. Wollen Sie heute nach Hause?" Meine Augen werden wieder größer und ich antworte: Sehr gerne! Doch ich hatte mir über Nacht noch ein paar Fragen für die Zeit nach dem Krankenhaus zurecht gelegt, die ich noch geklärt haben wollte.
Zwar nickt sie, verweist dann allerdings auf die leicht infantil wirkende Schwester. Sie würde im Laufe des Vormittags noch alles mit mir klären, was es zu klären gibt. Ich frage sie im Anschluss, ob denn die Physio-Omi nochmal für 20 Minuten zum üben und für Fragen bei mir vorbeischauen kann. Sie bejaht. Außerdem nannte sie den 27.12. als Termin, bei dem ich mich wieder beim Durchgangs-Arzt in der Uniklinik vorstellen müsse.

Alle wenden sich Bettnachbar #4 zu und besprechen mit ihm, was getan wurde. Er versteht nur Bruchstücke, weil sie viel zu schnell sprechen und er noch komplett knülle ist. Wie es scheint, haben sie ihm wohl Splitter aus dem Knie entfernt. Er trägt jedenfalls am rechten Knie nur ein großes Pflaster, rechts neben der Kniescheibe.

Es ist 7 Uhr, als die Bettchen-wechsel-dich Brigade erscheint. Die Anführerin mit ihrer dunkel-lilanen Haarpracht, die aussah, als wäre ein Blitzknaller in ihren Harren explodiert, schaut zu mir und und meint, dass sie mein Bett aufgrund der Entlassung nicht mehr machen müssen. Jubel, jubel, freu, freu.
"Aber bei Iiihnen" sagt sie und dreht ihren Kopf zu meinem Bettnachbarn. Er; weder zugehört noch verstanden, saß einfach nur im Halbschlaf auf seinem Bett und sollte nun direkt wieder vertrieben werden, um das noch frische Bettzeug zu wechseln.
Da ich nachvollziehen konnte, wie er sich gerade fühlte, sagte ich den Schwestern, dass er vor gerade Mal zwei Stunden von seiner OP zurückgekehrt wäre. "Oh, ja dann erstmal nicht." sagt sie und verschwindet mit den Anderen.

Ich erkläre ihm langsam, was sie vorgehabt hätten. Er bedankt sich und stellt sich vor. Robert heißt er. Jetzt bei Licht sah er weitaus freundlicher aus. Ganz so schrecklich hünenhaft war er dann auch nicht. Ich erkläre ihm, wie der Fernseher zu steuern ist - wenn ich dann weg bin (gnihihihi), klappe am Nachttisch seine Lade aus und kann ihm leider nicht helfen, als er nach einem Ladekabel für sein Smartphone fragt.

Die üblichen Putzkräfte - die am Wochenende offenbar nicht erscheinen und ich das vergangenen Samstag und Sonntag nur einfach nicht realisiert hatte - ausbleibend, kam pünktlich 8 Uhr das Frühstück. Oooch, die Naserümpferin fehlte. Stattdessen kam Essen-Schubse #4, schon ein wenig betagter. Mit einem Gesichtsausdruck, der Körpersprache und dem Verhalten einer resignierten, spaßbefreiten, distanzierten älteren Frau, die nicht den geringsten Spaß an ihrem Job oder dem Umgang mit anderen Menschen hat, bringt sie uns das Essen. Garniert mit einer größeren Portion Depressionen, die ich umgehend aus dem Fenster werfe. Pfui, so etwas brauche ich hier nicht!

Etwas später, so gegen 10 Uhr, kommt die Schwester und will bei Robert das Pflaster wechseln. Sie schaut kurz drauf und beginnt zügig das 10x5cm große Pflaster abzuziehen. Darunter alles voller Blut. An Roberts Gesichtsausdruck erkenne ich, dass das offenbar äußerst schmerzhaft und wenig feinfühlig ist. Seine Wunde ist nur bedürftig mit 4 Stichen über Kreuz genäht und nichtmal richtig geschlossen. In der Mitte ist der Wund-Spalt noch über 3cm groß. Merkwürdig.
Kurz bevor sie das Zimmer verlässt, frage ich sie, wo denn die Physio-Omi bleibt. Sie will nach ihr schauen. Einige Minute danach kehrt sie mit der Aussage zurück, dass ich heute keine Physiotherapie mehr bekommen werde und sie mich höchstens nochmal für 30 Minuten in die Automatik-Schiene schnallen könnte.
Was zum... das gibt's doch nicht... den Auszug nur angekündigt, lassen sie mich sofort fallen? Denn wenn ich drüber nachdachte, dass jetzt die Feiertage kommen und die freien Physiotherapien sicher erst im neuen Jahr Termine vergeben würden, wären das über 10 Tage ohne Physiotherapie... eher kontraproduktiv...! Die Schiene lehne ich ab, immerhin musste ich im Laufe des Tages den Weg durch die Uniklinik und die 7358 Stufen Zuhause meistern. Danach wäre ich so oder so kaputt. Außerdem verlangte ich nach der Physio-Omi, weil ich noch explizite Fragen zu einigen Alltags-Gegebenheiten hatte. Sie antwortet: "Na das kann sie Ihnen wahrscheinlich auch nicht sagen." Jaja... sicher...

Grmpf.

Aber soweit stand der Plan ja fest: Ich musste das Bein ruhig und angehoben halten, um die Schwellung zu lösen, mit den Krücken ordentlich den Fuß abrollen üben, die Dehnbarkeit in der Wade erhöhen und Treppen laufen üben, sowie das linke Bein mit maximal 20kg zu belasten.
Wobei das Bein heute früh sehr stark schmerzte, vermutlich, weil ich es zuviel ruhen ließ die letzten Tage... oder zuviel gelaufen war... oder es einfach normaler Knochen Wundheilungs-Schmerz war. Wie auch immer.

Kurz nach 11 Uhr kommt die Schwester und hat einige Sachen im Gepäck. Ich arbeite meine Fragen ab und es passt soweit alles. Sie hatte große Pflaster, Spritzen, Tabletten und Papiere dabei. Moment mal... 10 Spritzen??? Ich sollte mir Zuhause selbstständig jeden Abend Thrombose-Spritzen in den Bauch hauen? Urgh.
Sie fragt mich, wann ich denn das Krankenhaus verlassen werde. Ich gebe an, dass mich meine Freunde zwischen 13-14 Uhr abholen werden und ich dementsprechend noch Mittag essen würde.

Der Grund war, dass ich ihnen eine Einkaufsliste für meinen üblichen Wochenend-Einkauf zukommen lassen hatte, damit der Kühlschrank voll ist. Direkt nach dem Einkauf wollten sie mich abholen.

Völlig emotionslos und bestimmt, antwortet sie: "Mittag können Sie gerne noch essen, aber ab 12 Uhr müssen Sie aus dem Zimmer raus sein."
Was zum... das gibt's doch nicht²... der Auszug kurz bevor stehend, will sie mich nun Termin-gebunden rauswerfen? Bin ich plötzlich in einem Hotel? Andere Patienten reisten hier täglich zwischen 0-24 Uhr ab und bei mir musste es 12 Uhr sein? Denn bei der Berufsgenossenschaft würden sie doch vermutlich eh den vollen Tag abrechnen. Verfluchte Geier!
Ich frage nach, wo ich denn in den zwei Stunden hin soll, immerhin müsste ich das Bein gerade halten, da es sonst wieder anschwellen würde. Sie sagt, dass ich mich auf die Stühle setzen könnte, Hauptsache ich wäre aus dem Bett raus. Verdammtes Mistvieh! Ihr war Scheißegal, was nach 11:59 Uhr mit mir geschehen würde. Genau genommen war ich ihr schon jetzt Scheißegal, nachdem sie mir alles übergeben hatte.

Ich rufe meine Freunde an und frage, ob sie schneller machen können. Sie versuchen es.
11:49 Uhr kommt das Essen, 3 Minuten später stehen meine Freunde in der Tür. Sie würden nach meiner Ablieferung Zuhause zum Einkaufen fahren. Ich esse fix. Zusammengeräumt hatte ich bereits alles, also ziehe ich erstmalig seit 8 Tagen wieder Socken, eine normale Hose und eine Jacke an. Mit Hilfe.
Robert verabschiede ich kurz, dann geht's los. Vorbei am Schwesternzimmer, den großen Aufzügen, hin zum kleinen Besucheraufzug. Dann sehe ich das erste Mal die riesigen Hallen vor den Stationen, den Eingangsbereich und wir humpeln insgesamt 15 Minuten lang in Richtung Ausgang. An der Rezeption setze ich mich hin, weil ein Kumpel das Auto direkt vor der Tür abstellen wollte und das einiges an Weg sparte. Drei Minuten später war er da und ich saß im Auto auf dem Weg nach Hause. Da er nun ein offizieller Krankentransport wäre, ermahnte ich ihn, er solle doch nun besonders aufpassen. Wir lachen.

Wenige Minuten später: Endlich an der Haustür, mein Name an der Sprechanlage lesend, fühlte ich mich wieder auch wieder nach Zuhause.
Die Treppen in die 4. Etage dauerten eeewig. Fünf Minuten schleppte ich mich nach oben. Zu meinem Erstaunen fiel mir das Treppensteigen weitaus leichter als der lange Marsch durch die Uniklinik. Und da war ich. Meine geliebte Wohnung. In einem leicht desolanten Zustand, weil ich vor dem Unfall bereits mitten in der Party-Vorbereitung steckte und das Saubermachen erst für Samstag Morgen geplant war. Zudem war es recht kühl, weil meine Freunde die Heizungen abgestellt hatten. Ich lasse sie alles aufdrehen und begebe mich direkt ins Schlafzimmer. Wir stellen den Lattenrost auf, dass beide Enden die selbe Höhe wie das Krankenhaus-Bett haben und ich werfe mich drauf. Ein tolles Gefühl, im eigenen Bett zu liegen.
Dann zieht es mich auf die Toilette. Nicht weil ich muss, sondern um zu testen, wie das Hinsetzen und Aufstehen funktioniert. Die Krücken stelle ich am Waschbecken ab und kann mir dank den Wannenrandes soweit behelfen springend vorwärts zu kommen und mich problemlos auf- und abzusetzen. Passt!

Zurück ins Bett, lasse ich mir den Laptop bringen, um meine Kapitel weiter schreiben zu können und mal zu schauen, was in der Welt noch so vorging. Meine Freunde verschwanden für den Einkauf und ich tippte wie besessen Mails und an den Kapiteln. Denn seit Tagen hatte ich auf keinerlei Mails mehr geantwortet. Nach der Rückkehr meiner Freunde den Einkauf gemeinsam eingeräumt, den Mittags-Catering Service von Arbeit reaktiviert auf mich Zuhause umgelenkt, war es bereits Abend geworden. Die Stunden waren unbemerkt verflogen, weil einfach alles zehnmal länger dauerte. Mittlerweile 22 Uhr, las ich mir die Beschreibung für das Thrombose-Spritze-setzen durch. Gruselig.

Ich benötige noch 30 Minuten, um mich zu überwinden. Immer wieder lese ich die selben Zeilen durch und kann es fast schon auswendig. Jetzt aber. Ich öffne die Packung, ziehe die Schutzhalterung ab, entferne die Kanülen-Abdeckung, halte mit Daumen und Zeigefinger eine Faltem, setze im 90 Grad-Winkel die Spritze an und... ... ... traue mich nicht!
Aber ich muss... ich zögere noch 10 Sekunden, dann drücke ich die Spritze auf die Haut. Doch es passiert nichts. Wie als ob ich mit einem spitzen Stift drücke, gibt die Haut zwar nach und es bildet sich ein kleiner Krater. Es piekt auch. Aber mehr nicht. Wie nervig. Ich drücke noch etwas mehr und plötzlich verschwindet die Kanüle im Fleisch. Urghs.
Sieht gruselig aus, aber gemerkt habe ich das nichtmal. Da war das vorherige pieken auf der Haut schlimmer. Ich drücke die Spritze leer und ziehe die Kanüle vorsichtig heraus. Merkwürdiges Gefühl. Wie bei einer scharfen Klinge, im Moment der Verletzung.
Die Kanülen-Abdeckung wieder aufgesetzt, drücke ich die Schutzhalterung nach vorne bis zum Klick-Geräusch - damit ist sie gesichert und nicht mehr brauchbar für irgendwelche Drogen-Süchtige, die Hausabfälle nach Spritzen durchwühlen könnten.

Ich verschwinde im Bad und begebe mich gut 30 Minuten später glücklich aber erschöpft ins Bett. Doch damit beginnt völlig unerwartet der pure Horror...



To be continued... nächstes Kapitel: Bürokratieschmerz

 

 

-- 
Mit freundlichen Grüßen Carsten Zinke - xRes Support - ________________________________________________________ TraSo GmbH Georg-Schumann-Str. 294 D-04159 Leipzig Tel.: +49 341 909 87 45 / Fax: +49 341 909 87 49 E-Mail: c.zinke@traso.de Internet: http://www.traso.de ________________________________________________________ Geschäftsführer: Haiko Gerdes Handelsregister: Amtsgericht Leipzig, HRB 21850