Freitag der 13., Kapitel 5 - Kreislaufkollaps
Jetzt kommen wir zum Kapitel, wo mir empfohlen wurde, es zu überspringen, da es manche Personenkreise nur bedingt interessieren oder gar abschrecken könnte. Zu Zeiten von Feuchtgebiete oder Shades of Grey und im Zuge einer nahtlosen Aufzählung meiner Unfall-Geschichte, gehört das Kapitel allerdings nunmal fest dazu, immerhin ereilten mich drei Kollapse. Ich habe es sehr neutral gehalten. Also habt euch nicht so beim lesen! Oder wartet einfach aufs nächste Kapitel. ;-) Es ist mittlerweile Dienstag Abend, 19 Uhr. Der Bauch rebelliert weiter, mein Kreislauf schließt sich fröhlich an und das Bein schmerzt durch die komische Höhe in der Schiene. Ich rufe ein paar mal zu oft die Vollgeheult-Schwester. Er ist sichtlich sauer. Später ruft mein Bettnachbar die Schwester. Vor der Tür höre ich ihn sagen: "Wenn das wieder der Kleine ist, raste ich aus." Er kommt rein. Sieht zu mir. Ich grinse ihn an. Er sieht rüber und geht ans andere Bett. Mit dem Rücken zu mir stehend, sage ich zu ihm: Sie müssen jetzt aber nicht ausrasten. Er erwidert: "WAS?" Darauf ich: Na das haben Sie doch gerade vor der Tür gesagt. Er: "Nein! Habe ich nicht!" - 30 Sekunden Stille - Er: "Und außerdem: KÜMMERN SIE SICH UM IHREN EIGENEN MIST!!!" WTF?! Vollpfosten. Mein zweiter Bettnachbar war oft draußen unterwegs und hatte dadurch ebenfalls mitbekommen, dass die Schwestern dauernd über alle Patienten herziehen und sich lustig machen. Dumm nur, wenn dann einer mit Vulkanier-Gehör kommt. Hmm... den restlichen Abend kam dann immer eine sehr niedliche kleine junge Schwester rein, die unsanft spritzte und leider die Tür nie ordentlich schloss, so dass diese dauernd offen blieb. Sie konnte auch nicht Wasser mit und ohne Sprudel auseinander halten. Mein Bettnachbar und ich feierten über sie nur ab. Professionell war anderes. Dann kam die Nacht. Ich war psychisch im Arsch. Meine Gedanken drehten sich nur um Bäuchlein. In einem heroischen Akt entschied ich mich dem Spuk ein Ende zu setzen. Ich setzte das kleine Schnapsglas an und trank - schmeckte nach Honig. Tiiiiiick-Taaaaack... jede Sekunde dauerte für zehn. Insgesamt sollte es 20-30 Minuten bis zur Wirkung dauern. Wir waren bei 20 Minuten angekommen. Nix. Ich zauberte etwas und machte, dass die Luft... naja, du weißt schon. Sonst nix. 30 Minuten. Nix. Nach 45 Minuten war ich leicht desillusioniert und rief eine Schwester. Die Kleine kam wieder und meinte da könne sie nun auch nichts tun, ich solle einfach weiter abwarten. Danke für nichts. Es rumorte nur. So quälte ich mich weiter mit dem hämmernden Puls und dem Bäuchlein. Vermutlich erzeugte mein Körper bereits so viel Hitze und Energie, dass ich locker von einer Menschenstärke auf eine Pferdestärke hätte wechseln können. Mir fehlte nur der Karren und etwas Lauffläche, um es zu testen. Na gut, vielleicht auch noch ein funktionsfähiges linkes Knie. Gegen 1 Uhr früh dann - ich hatte noch mehr gezaubert, so dass der Schmerz und die Angst größtenteils vergangen waren - hatte ich einen völlig klaren Moment. Schlagartig erreichten mein Puls, als auch meine Körpertemperatur wieder Normal-Niveau und ich musste mich zudecken, weil ich anfing zu frieren. Ich schaute in diesem Moment nach draußen und dachte vor mich hin: "Wozu die Panik? Wird sich schon selbst regulieren. Seit dem Unfall hatte ich keine ordentliche Mahlzeit mehr zu mir genommen. Da konnte nichts sein. ... ... ... Aaaaber da musste was da sein, sonst würde das Bäuchlein so nicht reagieren." Nach gut drei Minuten war es vorbei mit der Klarheit und das Spiel begann von vorne. Ich hypochonderte, kochte, pulsierte, zauberte. Was für eine Scheiße! Also nicht. Irgendwie. Die Zeit verging, ich war moderat gelangweilt und sauer und begann The Legend of Zelda: A Link Between Worlds zu spielen. Manchmal schlief ich kurz. Dann spielte ich wieder. Neben mir schnarchte es fleißig. Mittwoch, 6:30 Uhr: Zack, GUTEN MORGEN HERR ZINKE. ICH BIN DOKTOR SIESINDJETZTWACH. WIE GEHT'S IHNEN DENN? Zum Glück hatte ich wieder gehört, wie der Menschen-Pulk kurz vorher vor der Tür stand und man unter Anderem über mich sprach. Mein Puls wurde dadurch nicht nur noch kräftiger, sondern auch schneller, denn ich erwartete ihn mit einer Antwort: Schlecht. OOOOooooh, wieso das denn? erwiderte er, indem er über seine Flaschengläser-Brille schaute. Ich erzählte ihm, was du jetzt bereits gelesen hast. Nur weitaus bebilderter. Er sagte: "Najaaaa, so ein FlutschiFlutschi-Mittel kann ja schonmal erst nach 24 Stunden seine Wirkung entfalten, wenn das Bäuchlein nach der OP so träge ist." HÄÄÄH? Ich gab an, dass mein Bäuchlein eher unter ADHS leiden würde, so wie es sich benimmt. Die zweite der nettesten Schwestern hörte mit. Für den Doktor war das Thema gegessen und er nahm sich die Schiene vor. "Die brauchen Sie jetzt nicht mehr" säuselte er und hob vorsichtig mein Bein heraus. Dann setzte er eine Schere an und schnitt den Verband von oben bis ganz unten auf. Und da war es: Das Bein von Frankensteins Monster. Links von der Kniescheibe eine 10cm lange Naht mit unzähligen Tacker-Klammern, in der auch der Drainage-Schlauch verschwand. Rechts von der Kniescheibe eine 7cm lange Naht mit Tacker-Klammern und genau unten an der Wade bis in die Kniebeuge eine 10cm lange Naht-Wulst, die auf herkömmlichen Weg genäht worden ist. Augenblicklich begann es an allen Stellen zu bluten. Schnell wurde eine grüne Standard-Folie ausgewickelt und einmal ums Bein geschlagen, die offenbar Blutungen stillt und auffängt. Stimmt, nach 10 Sekunden: Stillstand. Sieht gut aus, meinte der Doktor und ging zum Nebenbett. Die nette Schwester beugte sich zu mir und meinte: "So Schätzelein, ich werde dir jetzt die Drainage ziehen... hol mal tief Luft." Das tat ich. Sie zog. Mit einem *Fluuuutsch*-Gefühl verabschiedete sich der Schlauch samt einem Unterdruckausgleich zischend gen Boden. Das war alles? fragte ich. Sie meinte: "Ja, aber manche schreien da durchaus wie am Spieß." Hmm... Der Doktor drehte sich wieder zu mir, hob den Drainage-Restbehälter auf und sagte: "Mädels, an meinem letzten Tag hier heute auf der Station, mal ein entscheidender Tipp. Wenn ihr an den Drainage-Behälter anfangs einen Strich macht, können wir am Ende auch sehen, wieviel neuer Inhalt dazugekommen ist!". Ich hörte nur 'letzter Tag auf Station'. Gnihihihi. Die nette Schwester kam nach Ende der gesamten Visite wieder zu mir und verpasste mir einen neuen ganz leichten Verband, der nur exakt bis an die Enden der Narben heranreichte und sie knapp bedeckte. Dann meinte sie: "Ich habe gehört, du sollst heute in den Knast abgeführt werden?". Ich grummelte und meinte: 'Ja, eher aus Eigeninitiative. Gestern hatte ich da bereits so ein kleines Schnapsglas, aber dessen Wirkung ist irgendwie verpufft.' "Was war das denn?" fragte sie. Ich gab an, dass es nach Honig schmeckte. "Ach Gott, das war nur ein leichter Weichmacher." sagte sie. "Machen wir es mal richtig! Wir können dir ein einmaliges KABOOM verschaffen, oder du musst 4 Stunden lang rennen. Das Erste quasi in Form von zwei... Schwuppdiwupps und das Zweite als Lösung zum trinken." Das erste klang vernünftiger, aber ich meinte nur: Schwuppdiwupps? Igitt, das hab ich noch nie gemacht. "Aber deine Mutti wird das doch früher gemacht haben." Ja schon, aber es ist doch was anderes, wenn ich mir selbst... *seufz* "Kriegst du schon hin." Da gab es nur ein Problem: Wenn mein Bäuchlein einen gewissen Stresslevel übersteigt und es dann gereizt wird, zerhaut es komplett mein Immunsystem. Nur soviel: Krankenwagen und Notaufnahme sind dann das Resultat. Ein FlutschiFlutschi-Mittel wäre dafür jetzt Lunte und Feuerzeug zum Schwarzpulver. Das sagte ich ihr. Mein Bettnachbar und sie fingen laut an zu lachen. Nach meinem "wirklich, ich kenne die Reaktionen doch seit 20 Jahren!!!" lachten sie nur noch lauter. Ich war sauer und startete eine Trotzreaktion. Ich bin in einem Krankenhaus, sollen sie mal sehen, wie sie dann damit klar kommen. Wir machen es so. Es vergingen noch an die 30 Minuten, bis ich genug Kraft gesammelt und es selbstständig, mehr schlecht als Recht, aufs Töpfchen geschafft hatte. Da war ich nun... blickte ungläubig die Schwuppdiwupps an und versuchte mich zu überwinden. Das klappte dann irgendwann. Und dann fiel doch glatt das zweite von den Mistdingern runter auf den Boden!? AaAaAaAaaaAAAaaaAH! Ich musste klingeln... und ein junger Pfleger kam und brachte mir ein neues. Grrrrrrrrrr... Kurzer Sprung in der Erzählung. :-) 30 Minuten später, ein klein+klein+klein wenig leichter, wollte ich aufstehen und ins Bett zurückkehren. Als ich versuche aufzustehen, wird mir weiß vor Augen und ich klappe zusammen. Bingo, wie ich es erwartet hatte. Im letzten Moment schaffe ich es noch, an der Leine zu ziehen. Ein junger Pfleger kommt, ruft die Physio-Dame zu Hilfe und sie kommen auf die glorreiche Idee, dass ich mich gleich noch waschen sollte. Halb bewusstlos schleppen sie mich ans Waschbecken und fragen, ob ich mich alleine waschen könnte. Mir dreht alles, die Augen fallen dauernd zu, ich kann vor Schwäche nicht denken, geschweige denn stehen und mir entfährt ein: Wollen Sie mich verarschen? Als ich wieder leicht zu mir komme, hatten sie mich auf eine Art Dusch-Stuhl gesetzt und eine Schüssel mit Wasser gebracht, Wasser im Waschbecken eingelassen und Einmal-Waschlappen hingelegt. Die Physio-Dame war weg. Der junge Pfleger fragt, ob ich klar käme. Mit dem Kopf in Richtung Boden vom Waschbecken hängend und starrend, frage ich ihn, ob das ein Scherz sein soll?! Ich könne gerade gar nichts. Er fragt, ob er mir helfen soll. ..................... ja.................. Er zieht mich aus und beginnt mich zu waschen. Ich hänge nur nutzlos herum, sehe kurz auf und mich im Spiegel und denke: Oh Gott, wie erniedrigend. Und das musste ich mir nun antun, um zu beweisen, dass sie falsch liegen und ich mich aus unerfindlichem Grund doch kenne? Vielen Dank. Aber gut, ich wollte dem Bäuchlein endlich Ruhe verschaffen und wollte es dadurch ja auch selbst. Ich lege die Hände ins Wasser. Meine eisigen Gliedmaßen werden von einer wohligen Wärme umschlossen. Ich fühle, wie wieder Blut in den Händen zu zirkulieren beginnt, lasse mir die Zahnbürste geben und putze selbstständig die Zähne. Yay. Der Pfleger wäscht weiter um mich herum. Mir wird kalt. Ich beginne am ganzen Körper zu zittern und merke, wie der Kreislauf wieder bergab geht. Meine Zähne schlagen heftig aufeinander. Der Pfleger trocknet mich ab, an der Situation ändert sich nichts. Die Physio-Dame kommt herein, sieht wie ich mit den Zähnen aufeinander schlage und fragt: "Warum machen Sie das?" Ich wäre ihr gerne ins Gesicht gesprungen. Stattdessen kommt nur ein: W-w-w-w-weil-l-l m-m-m-ir-r-r s-s-s-so-o-o k-k-k-kalt-t-t i-i-i-i-st-t-t. Sie hebt mich an, zieht mir die Unterhose und das T-Shirt an, rückt den Stuhl weg, gibt mir die Krücken und fragt, ob ich eigenständig ans Bett gehen kann. Mir saust durch den Kopf: Sagt mal, checkt ihr hirnlosen Affen die Lage nicht??? Dann sage ich: N-N-N-N-N-e-e-e-e-i-i-n-n-n! Sie macht die Bad-Tür auf, lässt mich zwei Schritte vorwärts hieven. Mich verlässt wieder die Kraft und ich klappe erneut zusammen. Ich bekomme in bruchstückhaften Auszügen noch mit, wie die Physio-Dame und der Wasch-Pfleger mich auffangen, schnell durch den Raum zerren und aufs Bett werfen. Sie stellt das komplette Bett am Fußende auf einen 45°-Winkel, meine Füße weit oben und der Kopf weit unten, deckt sie mich zu. Ich komme wieder zu mir und werde weiterhin von heftigem Schüttelfrost-Krämpfen getrieben. Sie schaut mich nun etwas besorgt an, denn auch nach 2 Minuten wurde das nicht besser. Sie erklärt, ich solle die Füße etwas bewegen, damit wieder Blut im Kopf ankommt. Ich bewege die Füße, denke aber: Hau ab Schnepfe, ich weiß doch genau, wie lange ich hier noch rumklappere und wie ich das wegbekomme. Sicher nicht durch Wasser-treten. Sie geht. Ich höre auf rumzutreten, packe mich luftdicht in die Decke ein, lasse mir vom Bettnachbarn (den mein Kollaps sichtbar mitgenommen hat) die Decke an den Füßen umschlagen, klappere weiter mit den Zähnen vor Schüttelfrost, stecke die kalten Finger unter die warmen Unterschenkel und warte, dass es aufhört und mein Kreislauf sich durch das Gezittere neu startet. Nach 15 Minuten ist es soweit. Ich spüre Wärme in den Fingern ankommen. Kollaps abgewendet. Idioten. Danke nochmal. Für nichts. Und die Erniedrigung. Keine 60 Sekunden später schlafe ich für einige Stunden ein. Als ich aufwache, bemerke ich eine Veränderung. To be continued... nächstes Kapitel: Feuervogel -- Mit freundlichen Grüßen Carsten Zinke - xRes Support - ________________________________________________________ TraSo GmbH Georg-Schumann-Str. 294 D-04159 Leipzig Tel.: +49 341 909 87 45 / Fax: +49 341 909 87 49 E-Mail: c.zinke@traso.de Internet: http://www.traso.de ________________________________________________________ Geschäftsführer: Haiko Gerdes Handelsregister: Amtsgericht Leipzig, HRB 21850
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Carsten Zinke