Freitag der 13., Kapitel 3 - Schmerz
Uff... ich bin wo ganz anders. Wach. Voll da. Fühle mich sehr müde. Das gibt's doch nicht, wieso hatte ich das langsame Einschlafen dieses Mal nicht mitbekommen? Ich war einfach schlagartig weg und wie immer nur eine gefühlte einzelne Sekunde, die das Ganze zu dauern schien. Egal. Ich blickte auf und kam mir vor wie in einem Borg-Kubus (Star Trek). An an einer ca. 10m langen Fläche befanden sich zehn abgetrennte Kammern, an jeder Einzelwand nach innen bis zur Wand, Zentimeter an Zentimeter unzählige Hightech-Geräte vom Boden bis an die 5m hohen Decke, dazu viele Monitore. Selbst für mich sah das unheimlich aus! Mein Bett (in dem ich angekommen war) stand schräg im zweiten Drittel des Raumes, ich drehte meinen Kopf nach rechts und erkannte direkt neben der Hightech-Fläche noch so eine identische Fläche an der angrenzenden Wand. Vermutlich würde es hinter mir genauso aussehen. Aber das war mir gerade egal. Ich sah zwei junge Männer in vollen OP-Dresses. Einer lief durch den Raum, der Andere schien etwas zu tippen. Ich rief Ersteren zu mir und fragte ob ich bereits fertig wäre und das der Aufwachraum sei. Er bejate und ging. Merkwürdig. Ein bis zwei Minuten vergingen. Ich war am Leben! *hust* Mein Bein lag in der bekannten Schiene und war durch den Verband extrem befestigt. Ein Gips war es jedenfalls nicht. Es ruckte von hinten und ich war zwei Türen später wieder am Aufzug. Ich hatte mich offenbar nicht viel bewegt. Im Zimmer angekommen, schnappe ich das iPhone. Was zum... es ist bereits 18:37 Uhr!? Wow, das hat lange gedauert. Ich nicke ein. 2 Stunden später wache ich wieder, mir fällt ein, dass ich noch ein Lebenszeichen von mir geben sollte... ich haue eine kurze Whatsapp in die Tasten und sende sie an alle rum. Ich decke mich zu und gönne mir eine weitere Mütze Schlaf. Irgendwann in der Nacht wache ich auf. SCHMERZ! WELCH RASENDER UNERTRÄGLICHER WUNDSCHMERZ!!! Ich klingel nach einer Schwester und bitte um Schmerzmittel. Er bringt mir eine Pille. Ich schlafe ein. Stunden später wache ich wieder auf. Vermutlich war es nur Minuten später. Mein Bettnachbar schläft oder versucht es zumindest. Ich versuche durchzuhalten und wieder einzuschlafen. Drei Tage lang dauerhafte lähmende Schmerzen und nun ist der Schmerz zehnmal intensiver! Mir ist bewusst, dass der Wundschmerz nicht lange anhalten wird, aber es ist mir in dem Moment Scheißegal. Ich will mir die Haare raufen; schreien, rasen und toben. Mein Schmerz-Verträglichkeits-Pegel fällt auf ein Rekord-Tief und dümpelt im Negativ-Wert bei gefühlten -135 herum. Ein Erinnerungsflash vom Unfall überholt mich, ich selbstbemitleide mich in einem gedanklich sehr plastischen Rundumschlag, wie ein Greis mein Leben in nur einer Sekunde zerstört hat. Tränen kullern. Ich rufe eine Schwester, er kommt wieder herein. Die Tränen ergießen sich bereits in einer reißenden Stromschnelle. Ich schluchze ihn voll, wie weh es jetzt tut, ob er noch was für mich hat. Er schaut mich - soweit ich es sehen konnte - mitleidig an und sagt: "Mein Guter, ich kann dir keine weiteren Mittel geben, sonst hörst du mir hier auf zu atmen." Er geht. Wie ein Kind, was seinen Willen nicht bekommen hat, höre ich sofort auf zu heulen. Ich kann es selbst nicht fassen, wie ich mich gerade benehme. Dass ich vor etwas über drei Tagen noch ein richtiger Mann war. Dann folgt der nächste Impuls. Hunderte Emotionen, Melodien, Bilder und Gedanken rasen mit den Schmerzimpulsen pro Sekunde immer wieder durch meinen Schädel. Ich winde mich, verkrampfe, will mich nach rechts und links gleichzeitig werfen, mich zugleich aufsetzen und hinlegen. In all dem Wirrwarr erscheint nach gefühlt endlosen Minuten ein einzelner unglaublich klarer Gedanke, der sich plötzlich in einem großen leeren Gedanken-Raum ergießt und alles verdrängt: STELL DICH NICHT SO AN DU PUSSY, DU WILLST WIEDER WERDEN!!! Ich lasse locker und schlafe noch im selben Moment ein. Mehrmals wache ich noch auf, winde mich, denke meistens "ach egal" oder "SCHEISSE" und bin wieder weg. Dienstag, 06:30 Uhr: GUTEN MORGEN HERR ZINKE. ICH BIN DOKTOR SIESINDJETZTWACH. WIE GEHT'S IHNEN DENN? Ich denke mir so: "Will der mich eigentlich verarschen?" Während ich mich sammele, besprechen sie sich schon über die OP, er wirft meine Decke zur Seite und ich sehe erstmalig mein Bein unter vollem Licht im festen Verband. Doch bevor ich etwas sagen kann, dreht er sich weg und spricht mit meinem Bettnachbarn. Eindeutig; er will mich verarschen. In dem Bruchteil einer Sekunde checke ich gedanklich meinen Körper von oben bis unten durch. Oh, der Wundschmerz ist weg! Das Bein schmerzt nun anders. Offenbar durch das Liegen in der Schiene und dessen Fixierung. Ein Arzt aus der ambulanten Physio kommt ans Bett, sieht meine Schiene und fragt: Hilft Ihnen die Schiene oder fühlt sie sich eher unangenehm an? Obwohl mich mein Bettnachbar bereits vor zwei Tagen davor warnte, dass dieser Arzt die Schienen nicht ausstehen kann, antworte ich in meiner üblichen gnadenlos ehrlichen Art: "Aktuell fühlt sie sich unangenehm an." Bingo. Blitzartig greift er nach meinem Bein, reißt es weit nach oben, ich schreie kurz auf, er zieht die Schiene raus und geht. Sekunden später beginnt sich ein 6cm großer Blutfleck auf dem Verband abzuzeichnen, der stetig stärker wird. Ich glaube es hakt!? Angenehmer liegt es sich so gerade trotzdem. Ich drehe das Bein etwas nach rechts und sehe eine Drainage, die links in Höhe des Kniegelenks heraus kommt und unterm Bett verschwindet. Im Schlauch ist gerade viel Bewegung... kein Wunder! Ich beschwere mich bei der nettesten Schwester, die nun rein kommt und beim Bettnachbarn den Verband wechselt. Machen kann sie nix. Dann kriege auch ich einen neuen leichten Verband, der nur knapp bis an die Narben reicht. Der übliche Morgen-Ablauf ist in vollem Gange. Nach dem Frühstück erscheint in gewohnt lässiger Art Dr. Hepp. Er erklärt mir, dass das Bein an drei Stellen aufgeschnitten wurde, der Knochen mehrfach geschraubt und drei Platten eingesetzt worden sind. Gruselig. Er fragt, wie es mir geht. Ich erwähne direkt die Bein-Reißer-Aktion und zeige auf den Blutfleck. Seine Mine wird Ernst. Er schüttelt den Kopf, murmelt vor sich hin "das geht doch nicht"... und sagt: Ich werde mit dem Kollegen sprechen. Sie bleiben heute noch in der Schiene. Und sie kommen nochmal ins CT. Er steckt mich in die Schiene geht nach zirka einer Minute. Ich denke ihm hinterher: Hmm, einen Arzt zum Feind? Ich muss hier weg! Gegen 10 Uhr wurde ich fürs Röntgen/CT abgeholt. Der Mann bekommt dauernd auf seinem Pager, wo er wann wen hinbringen oder abholen muss. Acht Stunden am Tag? Wie trostlos. Er schiebt mich zum bekannten Aufzug. Der Linke wird gerade gewartet und man sieht den oberen Teil der Kabine. Schicke Technik. Mir fällt der Hubschrauber-Knopf mit PIN-Eingabe im Aufzug auf. Immerhin landet dieser (unter Anderem) 1-2x pro Tag genau über unserem Zimmer, auf dem Dach. Dann gehen auf dem Handy die Balken schlagartig zurück und jegliche Telefonate brechen ab. Ist mir tatsächlich so passiert. Die armen Seelen, die da drin liegen. Der Röntgen-Fahrer sagt mir, da gibt es extra einen Mann auf dem Dach, der 8h am Tag auf den Hubschrauber wartet und dann den Aufzug extra per Code nach oben holt. Ahja, es gibt also noch deprimierendere Jobs... Ich werde zum CT gefahren und warte. Drinnen heult die Maschine los, meine Platten und Schrauben im Bein beginnen zu schwingen, ich fliege in dem Apparat herum und rotiere in einer ovalen Ellip... äh Moment, das wäre im MRT geschehen und stammte aus einem Film. Das CT-Gerät läuft warm. Plötzlich entdecke ich einen Monitor über dem Gerät, der sich einschaltet. Ein Schnappschuss meiner Beinknochen von oben wird sichtbar. Cool, ich sehe zum ersten Mal live, wie das gemacht wird! Wie in einem gewöhnlichen Scanner-Programm ziehen sie in dem Bild eine Auswahl über mein linkes Knie, bestätigen, das CT ruckt kurz, die Pritsche bewegt sich nun gaaanz langsam vorwärts und ich sehe live, wie Schicht für Schicht der betreffenden Stelle als Einzelbilder nacheinander erscheinen. Am Ende ein Übersichtsbild, sie lassen die Frames nochmal durchlaufen und sind zufrieden. So gesehen: Einfachste EDV-Scan-Arbeit. Leider war der Monitorwinkel zu schräg und zu weit oben für mich, als dass ich Details hätte erkennen können. Ich wurde wieder in die Warteposition für normales Röntgen geschoben. Es vergehen 10 Minuten. Viel ambulanter Durchgangsverkehr. Dann holen sie mich rein. In einem gigantischen Raum hingen noch gigantischere Röntgen-Apparate an diversen Gelenken, die sich ganz leicht herum ziehen ließen. Vom Platz her, würden hier sechs afrikanische Elefanten reinpassen. Drei nebeneinander und eine Reihe übereinander. Ich helfe den Schwestern wieder und halte die Bleiplatte fest. Sie machen fix die Bilder von der Seite und von oben. Schwupps, bin ich wieder auf dem Gang. 30 Minuten vergehen, immer wieder kommt der Herumschieber vorbei gesaust und verspricht, dass es gleich losgeht. Ich fühle mich müde und schwach, in den Bettenpark-Boxen neben mir, sabbern irgendwelche Leute vor sich hin. Ich bin zu angespannt, um zu schlafen. Irgendwann holt er mich dann und ich bin wieder auf dem Zimmer. Ich fühle mich unwohl und im Bauch rumort es. Wer mich kennt, weiß von meiner großen Palette an Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, bedingt dadurch, dass meine Bauch sehr empfindlich ist. Das Thema reiße ich nur kurz an, aber es muss leider erwähnt werden, da es mich fast zwei Tage geistiger Klarheit kostete. Ich werde im später folgenden Kapitel kindliche Synonyme nutzen. :-) Ich lag hier nun schon 66 Stunden in exakt der selben Position, ohne mich bewegt zu haben. Das müsste doch bereits verheerende Folgen in meinem HopsiDopsi haben. Ich begann unruhig zu werden. Toll... Intergalaktischer stählerner Chimären-Hypochonder-Modus aktiviert. 3... 2... 1... Transformation abgeschlossen. Kritischer Selbstüberempfindungsapparat bereit zum Kampf gegen [WARNING: Friendly Target] -} :self: {- GO GO Powerchonder! Hitze breitete sich von der Brust in alle Richtungen aus. Augenblicklich zog ich die Decke weg, weil ich mich wie ein Hummer im Topf fühlte. Mein Herzschlag schmetterte so stark, dass ich im Liegen immer ein Stück auf dem Kissen rumrutschte. Ich machte mich nun also selbst panisch und versuchte durch Meditation wieder etwas runter zu kommen. Mehrmals Erfolglos. Ein junger Pfleger kam wie jeden Tag ins Zimmer und wollte Temperatur im Ohr und den Blutdruck mit einem kleinen automatischen Blutdruckmessgerät messen. 37.2°C, der Blutdruck trotz des Schmetterns okay. Und dann kam wieder die alles entscheidende Frage: Wann hatten Sie denn das letzte Mal FlutschFlutschi? Etwas zerknirscht antwortete ich: Immer noch Freitag Mittag. "Ab morgen müssen wir nachhelfen." Huh? Na Bravo. "Ich kann Ihnen auch heute schon was zum nachhelfen bringen." Dann könnten Sie die Pfanne nutzen." PFUI... jaja, mach mal. Er erschien mit einem der kleinen Pillen-Schnapsgläser, welches bis zum Rand mit einer Flüssigkeit gefüllt war. "Dauert ca. 20-30 Minuten." meinte er. Jaja, whatever. Hau ab. 20 weitere Minuten gingen ins Land. Dann kam ein bekannter junger Mann, ein Mediziner in Ausbildung herein, der beinahe täglich zwei Ampullen Blut wollte. Das war dann zuviel. Nach fast 30 Stunden ohne Nahrung, mit einem popeligen Frühstück, in der OP lauter Blut gelassen und die Drainage sich ständig mit Blut füllend, sollte ich noch mehr hergeben!???!? #*$<'%¥FUCK§%/")& Ich bräuchte endlich mal Ruhe und verweigerte die Blutabnahme! Eine schicksalhafte Entscheidung, wie sich kurz später herausstellte. Schlafen ging nicht, das Herz stampfte weiter, die Hitze hielt an, der Bauch tat kund, dass er mit der Allgemeinsituation unzufrieden wäre. Irgendwann war Mittag. Wieder das falsche Essen. Aber dazu später mehr. Es war jetzt 15 Uhr. Es klopft. Und plötzlich stand da Irene. To be continued... nächstes Kapitel: Drei Besucher der dritten Art PS: Guten Rutsch euch allen. -- Mit freundlichen Grüßen Carsten Zinke - xRes Support - ________________________________________________________ TraSo GmbH Georg-Schumann-Str. 294 D-04159 Leipzig Tel.: +49 341 909 87 45 / Fax: +49 341 909 87 49 E-Mail: c.zinke@traso.de Internet: http://www.traso.de ________________________________________________________ Geschäftsführer: Haiko Gerdes Handelsregister: Amtsgericht Leipzig, HRB 21850
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Carsten Zinke