Freitag der 13., Kapitel 16: Waaaaahhhde² --- Sei gegrüßt Lesefan, ich habe in den bisher veröffentlichten Kapiteln irgendwie immer den Oberschenkel mit dem Unterschenkel verwechselt. Seien es die Kreislaufkollapse, Kissen zur Schlafunterstützung oder eine unangenehme Massage - das alles spielte sich im Bereich des Oberschenkels ab. Denn der Unterschenkel ist mit seinem verkürzten Wadenmuskel, dem operierten Knie und dem Wadenbein-Bruch viel zu empfindlich für irgendwas. Naja, was man nicht im Kopf hat, hat man in den... Schenkeln. Viel Spaß beim Lesen. --- Freitag, 10.01.2014. Nachdem ich mir bereits viele Nächte um die Ohren geschlagen habe, fand ich nun endgültig heraus, was das Schlafen mit "Überhangmandat" anging. Anfangs konnte ich mir bei Drehungen auf die Seite ein Kissen zwischen die Oberschenkel packen. Dann ging es plötzlich nicht mehr, so dass nur noch das Heraushängen zur jeweiligen Seite auf dem Bett oder der Couch funktionierte. Aber auch das hielt nur zwei Tage. Das Geheimnis war an der Stelle das Wörtchen: Oder. Denn offenbar gibt es Tage, an denen das Kissen funktioniert, an anderen komme ich aber nur zurecht, wenn das Bein über hängt. Die Herausforderung ist nur, im Halbschlaf herauszufinden, was davon am jeweiligen Tag passt. Von einem ruhigen Schlaf war ich also immer noch weit entfernt. Immerhin hatten sich die Schlafpausen schon soweit reduziert, dass ich teilweise über eine Stunde am Stück schlafen konnte. Außerdem hatten sich durch das Bett und die Couch am linken Oberschenkel bereits schmerzhafte Druckstellen durch die Kissen gebildet. Zur Erinnerung: Nur im Bett kann ich auf die rechte Seite gedreht, das Bein aus dem Bett hängen lassen. Auf der Couch kann ich auf der linken Seite das Bein aus der Couch hängen lassen. Umgekehrt war es bei beiden Liegegelegenheiten schmerzhaft, was mein Unterbewusstsein mitunter jedoch nicht davon abhielt, diese Position einnehmen zu wollen, wodurch ich direkt aufwachte. Am späten Nachmittag starte ich zur Physiotherapie. Einen Taxifahrer gerufen, begebe ich mich die Treppen herunter. Als ich unten ankomme, fährt er gerade vor. Aber wie jeden Tag, habe ich eine kleine Tüte mit dem Bio-Abfall dabei, die ich hinter in den Hof bringen muss. Ich verfalle in eine leichte Hektik und eile zur Tonne, werfe die Tüte hinein und hechte zurück. An der Tür setze ich viel zu weit entfernt von mir die erste Krücke auf die Fliesen. Draußen war es nass. Kaum abgesetzt, lege ich das Gewicht auf die Krücke. Weil der Gummi nass ist, rutscht sie augenblicklich unter mir weg. Wuuaaargh. Ich setze Reflex-artig an, um mich vorwärts in Fallrichtung abzurollen, realisiere aber gerade noch, dass ich dazu über das linke Knie rollen müsste. Scheiße. Mitten im Fall überlege ich, wie ich die Situation retten könnte. Ich verlege meinen Schwerpunkt auf die rechte Seite, indem ich das rechte Knie einknicke und werfe die rechte Krücke weg. Schließlich komme ich rechts mit dem Unterarm und der Hand auf dem Boden auf, das rechte Bein angewinkelt und das linke Bein noch weitestgehend gestreckt. Ich kann mich stabilisieren, nehme die Krücke wieder, stemme mich hoch, erklimme die drei Stufen hoch, drei Stufen runter und bin im Taxi. Notiz an mich: Auf feuchte Untergründe und glatte Flächen achten!!! Hektik gleich Verletzung! In der Physio angekommen, lasse ich mich wieder in das 2. OG fahren. Als meine Therapeutin raus kommt und mich herein bittet, achte ich dieses Mal darauf, ordentlich den Fuß abzurollen. Selbstverständlich schaut sie wieder und lobt mich diesmal. Dann zeige ich ihr die aktuellen Röntgen-Bilder, damit sie mal sehen kann, womit sie es zu tun hat. Darauf rumkneten und es ertasten zu müssen ist ja doch etwas anderes, als es direkt sehen zu können und würde mir nur helfen. Auch sie ist, ob des vielen Metalls, erstaunt. Im Laufe der Stunde erzähle ich von Alltagssituationen, bei denen ich Besonderheiten festgestellt hatte. Das kannst du ja jetzt mal mit mir zusammen probieren. Während du diese Zeilen liest, sitzt du vermutlich. Ober- und Unterschenkel bilden dabei einen 90 Grad-Winkel. Nun drehst du mal einen Fuß auf der Ferse stehend und ohne das Bein zu bewegen, nach links und rechts. Dabei solltest du ungefähr 45 Grad den Fuß nach links und rechts drehen können. Nun... bei mir geht das nicht mehr! Weil das Wadenbein und der Tibiakopf fest verschraubt sind, kann ich diese Bewegung nicht mehr machen. Nach links komme ich ca. 3 Grad, nach rechts ca. 5 Grad. Ein weiterer Punkt war, dass ich z.B. beim Lüften am Fenster stehend, nicht beide Füße aufsetzen konnte. Der linke Fuß war an der Ferse immer angehoben, wenn sich mein Oberkörper in einem gewissen Winkel liegend auf dem Fensterbrett befand. Dadurch hatte ich das Gefühl oder vielmehr die Befürchtung, dass durch die OP mein linkes Bein verkürzt worden wäre und ich den Rest meines Lebens ein Hanghuhn sein müsste. Doch sie beruhigt mich und schiebt es auf das (mittlerweile) untrainierte Bein mit dessen verkürztem Wadenmuskel. Kaum sprechen wir drüber, setzt sie sich auf meinen Fuß. Ich aaahne, was kommt und schon geht loooooooos. Wieder schnappt sie sich meine Wade, greift voll in den Muskel und mein Schädel explodiert. Also fast. Damit ich nicht wieder wie 'ne Pussy rüber komme, gehe ich dieses Mal einen anderen Weg und versuche wie bei Dehn-Übungen zu entspannen, indem ich tief ein- und ausatme und statt mich zu verkrampfen, locker lasse. Tatsächlich funktioniert das ziemlich gut. Zwar wird der Schmerz dadurch nicht weniger, aber weil man sich aufs Atmen und Entspannen konzentriert, ist man halt davon abgelenkt. Sie bemerkt das und kommt mit mir darüber ins Gespräch, wo ich das her habe. Ich erkläre es ihr einige Minuten. Nach diesen Minuten war allerdings der Schmerzfaktor dann zu hoch, so dass ich doch mal kurz das Gesicht verziehen musste und mich leicht verkrampfte, bevor ich dann erstmal erlöst war. Die Taxi-Fahrt nach Hause war wie die meisten. Wieder mal erzählte ich meinen kompletten Unfallhergang und würde wieder im Gegenzug Unfälle aus dem Leben des Taxifahrers erfahren. Samstag, 11.01.2014. Vor der üblichen Morgenwanderung vom Bett auf die Couch, bemerke ich beim Anziehen der Hose, dass der Wadenumfang meines linken Beines stark abgenommen hat. Ohje, wann sind nur die sechs Wochen um, ich will dringend wieder laufen üben, das ist ja fürchterlich. Durch diese Erkenntnis, übe ich den ganzen Tag lang immer wieder mit der Waage, dass ich ein Gefühl bekomme, wann ich im Stehen mit dem linken Bein ein Gewicht von 20kg erreiche. Mehr durfte ich ja die ersten sechs Wochen nicht belasten. Doch bereits ab 10kg fängt es im Fuß an zu schmerzen. Ab 13kg schmerzt es in der Wade, ab 15kg beginnt zusätzlich das Knie am Tibiakopf weh zu tun, bei 18kg dann alles zusammen. Yay, offenbar stehe ich auf dem Knochen, weil kaum noch Muskeln vorhanden sind. Na das wird ein Spaß, wenn sich in zwei Wochen noch weniger Muskeln im Bein befinden. Im Laufe des Vormittags kommen meine Freunde vorbei und lassen ihr Kind bei mir, während sie für mich einkaufen fahren. Da der Kleine mir mehrmals beim spielen des aktuellen Zelda-Titels "A Link Between Worlds" zugeschaut hatte, ließ er sich das Spiel kurzerhand von seinem Opi schenken und hatte nun drei Beutel an Fragen mit. Das Kind versorgt, der Einkauf für mich besorgt, packe ich alles in die Schränke und esse was, mit anschließendem Mittagsschläfchen. Ich würde mir das bis zum Gesund-schreiben dringend wieder abgewöhnen müssen! Den ganzen Tag über machte ich immer wieder diverse Übungen aus den Physio-Stunden, sozusagen Hausaufgaben. Beim Lüften am Abend habe ich dann ein kleines Erfolgserlebnis: Dieses Mal blieb die Ferse beim Beugen des Oberkörpers unten, weil ich das Knie komplett streckte. Zwar bemerkte ich weiterhin einen kleinen Unterschied zur rechten Seite, doch das war annehmbar und bedeutete, dass ich doch kein Hanghuhn sein müsste. Sonntag, 12.01.2014. Ein Freund und eine Freundin kommen mich am späten Nachmittag besuchen. Sie hat eine Ausbildung als Friseurin, arbeitet aber mittlerweile als Bürokraft und kam auf meine Bitte hin mit ihrem Friseur-Besteck und Geräten vorbei, um mir endlich mal die Haare zu schneiden, denn damit war ich seit 2 Wochen überfällig - Rapunzel hatte ich aber noch nicht erreicht. Nachdem die Wolle ab ist, setzen wir uns noch zwei Stunden hin und reden. Für mich mal wieder eine schöne Abwechslung. Insgesamt waren die Stunden wieder mal davon gerannt, so endete auch der Tag sehr schnell. Montag, 13.01.2014. Juhuu, einmonatiges Jubiläum des Unfalls. Übrigens ist für den 13.12. nun jedes Jahr eine "Geburtstags-Party" bei mir geplant. Etwas länger geschlafen als sonst, ist 7:30 Uhr die Nacht zuende. Nach dem Wechsel auf die Couch, plane ich direkt am Morgen die nächste Veröffentlichung des aktuellen Kapitels. Nachdem ich auf den Physio-Plan schaue und mich vergewissere, dass es am heutigen Montag tatsächlich keinen einzigen Termin gibt, bin ich so entspannt, dass ich bis 13 Uhr immer wieder einschlafe. Wusch, war auch der Tag vorbei. Dienstag, 14.01.2014. Am Morgen spreche ich das erste Mal mit meinem Sachbearbeiter der Berufsgenossenschaft, weil ich einige Fragen hatte. Zum Beispiel, dass ich die selbst bezahlten Taxi-Fahrten gerne abrechnen lassen möchte. Der Sachbearbeiter teilt mir mit, dass meine bisher ausgefüllten Unterlagen unvollständig bei ihm angekommen wären und ich deshalb nochmals alles ausfüllen müsste. Super. Eine Heizungsableserin hat sich angekündigt, will aber ziemlich knapp vor meinem Physio-Termin im Haus starten. 13:20 Uhr begann die Physio, das heißt ich musste 12:55 Uhr starten, also gegen 12 Uhr ins Bad, immerhin brauchte ich nun beinahe eine Stunde für alles. Das Essen konnte ich kurz vor 12 Uhr zu mir nehmen. Die Dame hatte sich für 11:30-14:30 Uhr eingetragen. Also rufe ich sie an und spreche auf die Mailbox, dass sie doch bitte bei mir anfangen möge. Es ist 11:50 Uhr, als ich vor meiner Tür Geräusche höre und an den Spion gehe. Draußen sehe ich beim Nachbarn Stiefel und Messgeräte stehen. Soviel zur Mailbox... Zwei Minuten später klingelt es bei mir. Zwei Frauen treten ein. Eine steht nur sinnlos herum, die andere liest alle Heizungen digital aus und schreibt die Wasserzähler-Werte auf. Für Smalltalk waren sie nicht wirklich zu haben. "Mailbox? Nee, die ham' wir nich abgehört." Ich behalte beide im Auge. Als sie raus sind, esse ich fix und mache mich dann fertig. Wie geplant, rufe ich 12:55 Uhr das Taxi, begebe mich an die Tür, ziehe Jacke und Schuhe an und reiße mit der Krücke meine vorbereitete Briefpost mit dem Handy herunter. Als alles auf dem Boden aufschlägt, bin ich laut am fluchen, räume wieder zusammen, gehe raus, schließe zu und begebe mich die Treppen nach unten. Dort saßen die Ablese-Frauen, sortieren irgendwelche Dokumente und machen mir kaum Platz. Auf dem Hof entsorge ich wieder den Müll und gehe zurück ins Haus, Richtung Eingang. Aber Moment... irgendwas ist komisch. Hier fehlt doch etwas?! D'OH!!! Mein Rucksack ist noch oben!!! NEIIIIINNNN... bei meinem Gefluche hatte ich den hinter mir stehen lassen... toll... wieder hoch... wieder runter... stand der Taxifahrer schon einige Minuten und wartete. Wir fahren los und ich lasse ihn am nächsten Briefkasten meine Post einwerfen. Bei der Physio angekommen, melde ich mich an und gehe zum Aufzug. Drei Minuten später (!)... ist er endlich da, nachdem er für ca. 20 Sekunden auf jeder Etage gehalten hat. Ich steige ein und fahre hoch ins 5. OG. Dort angekommen, öffne ich mit der Krücke und dem automatischen Türöffner die Tür, trete ein und... äh... Moment... wieso bin ich ins 5. OG gefahren... ich musste doch ins 2. OG... D'OH!!! Der Aufzug wieder weg, stürzte ich stocksauer mit den Krücken die (teilweise sehr engen) Treppen herunter, so dass sich einige Besucher erstaunt zeigen, wieso ich mir das antue. Wieder ein paar Minuten zu spät, werde ich in den Behandlungsraum gebeten, außerdem war heute eine junge Dame anwesend, die zuschauen sollte. Während der Behandlung erzähle ich Vicky (so heißt meine Therapeutin) die Stories und wir lachen uns gemeinsam drüber kaputt. Das war eindeutig nicht mein Tag. Wir kommen wieder über die Fußdrehung ins Gespräch und sie klärt mich auf, dass das eigentlich eine unnatürliche Bewegung ist und wir diese im Alltag nirgendwo benutzen. Es wäre also nicht sonderlich schlimm, das jetzt nicht zu können. Im Gegenteil, der der Fall lag eher so, dass ich das aktuell auch gar nicht versuchen sollte, um nicht etwas kaputt zu machen. Auch über meine Scharnier-Erfahrungen erzähle ich erneut, so dass sie beginnt auf dem Metall zu massieren, teilweise aber auch in den Zwischenräumen der Kniescheibe und am Knochen. Außerdem drückte sie vereinzelt an ein paar Punkten ziemlich fest für mehrere Sekunden ins Fleisch rein. Zwei Minuten später möchte sie, dass ich (wie immer liegend) das Bein beuge und strecke und mit dem linken Bein quasi Fahrrad-fahre. Ich denke mir so: Das ist doch Mist mit dem Scharnier-Gefühl. Dann hebe ich das Bein, beuge es und... ooooooh... es fühlt sich Butterweich an. Kein Schmerz, kein Scharnier-Empfinden. Wie früher kann ich mit einer angenehmen Leichtigkeit das Bein bewegen. Sie erklärt mir anschließend, dass meine zurückentwickelte Verkapslung im Knie daran Schuld wäre, die erst bei der Vollbelastung des Knies wieder aufgebaut würde. Faszinierend, wie sie das mit den Druckpunkten und dem massieren kurzzeitig wiederherstellen konnte. Am Ende der Stunde überrascht mich dann noch einer der Rezeptions-Mitarbeiter. Dieser sollte mein Taxi rufen und kannte meinen Namen! Wenn man bedenkt, wieviele tausende Patienten tagtäglich in der Klinik auf Durchgangsverkehr sind, war das erstaunlich. Vielleicht hatte er sich ja meinen Namen wegen dieses Debakels mit dem hohlen Taxifahrer gemerkt, der mich hatte sitzen lassen. Aber das nächste Taxi-Desaster sollte nicht lange auf sich warten lassen. To be continued... nächstes Kapitel: Ghostrider -- Mit freundlichen Grüßen Carsten Zinke - xRes Support - ________________________________________________________ TraSo GmbH Georg-Schumann-Str. 294 D-04159 Leipzig Tel.: +49 341 909 87 45 / Fax: +49 341 909 87 49 E-Mail: c.zinke@traso.de Internet: http://www.traso.de ________________________________________________________ Geschäftsführer: Haiko Gerdes Handelsregister: Amtsgericht Leipzig, HRB 21850
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Carsten Zinke