Freitag der 13., Kapitel 17: Ghostrider ~ Mittwoch, 15.01.2014. ~ Zack, sitze ich wieder bei Vicky. Wir reden über Wohngemeinschaften und Anderes, da soll ich mich erstmals auf den Bauch legen. Schließlich muss ich das linke Bein in einen 90 Grad-Winkel bringen. Uuuuuuff. Mit viel Gezittere schaffe ich es dann doch noch das Bein anzuwinkeln. Nicht zu fassen, wie wenig Muskeln im Bein übrig sind. Die ersten 10 Grad sind der Hammer, das schmerzt im Knie, zittert an der Wade, am Oberschenkel und ich verdrehe dabei das Becken. Während ich die Übungen mache und dran denke, wieviel Muskelmasse ich in den vier Wochen im Bein verloren habe, versuche ich mir vorzustellen, wie es Schumacher gehen wird, wenn er wieder aus dem Koma erwachen wird. Brrrr. Mit dem Abschluss der Übungen, greift sich Vicky meine Wade und ich befürchte eine weitere Muskel-Massage. Doch sie schaut auf meine Narbe in der Knie-Beugung und sie ist ziemlich unzufrieden mir ihr. Denn offenbar begradigt sich diese nicht ordentlich. Ich lege also das Bein wieder ab und sie knetet mit voller Kraft die Narbe durch, um das Gewebe zu lockern. Ui, neben dem Knochen-Schmerz, dem Krampf-Schmerz, dem Dehnungs-<dchmerz und dem Terminator-Schmerz endlich mal etwas Neues. Ein sehr unangenehmer brennender ziehender Narben-Schmerz. Währenddessen entdeckt sie, dass in der Narbe offenbar noch ein Stück Naht steckt, an das man nicht ohne Weiteres herankommt, weil es verwachsen ist. Na vielen Dank auch, verfluchter Drogen-Arzt! Wir sind fertig, ich gehe raus, sehe noch eine Frau in einer Art Sexschaukel sitzen und üben (vermutlich irgendwas für die Rücken-Schule), lasse mir in gewohnter Manier ein Taxi rufen und warte. Wieder kommt minutenlang kein Taxi vorbei. Ich schaue gerade zu, wie einige Passanten in die Straßenbahn vor dem Gebäude einsteigen, da schreit mir vollkommen unerwartet jemand ins linke Ohr. "Taxe!" Etwas erschrocken drehe ich mich nach links und mir entfährt ein: Hä...? Jemand beugt sich zusätzlich in meine Richtung und schreit mich noch lauter an: "TAXE!!!!!!!!!!" Ich realisiere einen alten Mann, der links von mir steht. Sein Gesicht zur Faust geballt, faltig verschrumpelt und vernarbt, blickt er mich finster an. Seine Mundwinkel unter seinem weißen Schnauzer weit nach unten gezogen, rennt er in Richtung Hof weg und winkt mich ohne weiteren Kommentar hinter sich her. An seinem Auto angekommen winkt er nochmal. Sichtlich ungeduldig, nimmt er mir in dem Moment, als ich mich rückwärts auf den Beifahrersitz fallen will, schon die Krücken weg. Ich drehe mich nach links in den Fahrerraum und bemerke, dass der Sitz viel zu weit vorne für mich ist. Dementsprechend frage ich ihn, wie sich der Sitz etwas nach hinten stellen lässt, während er die Beifahrertür kommentarlos neben mir zuknallt. Normalerweise hätte ich mich selbst vorgebeugt und nach dem Hebel gesucht, aber das ging nicht, da ich wie eine Presswurst im Sitz saß. Die Fahrertür öffnet sich, er steigt ein, beugt sich zu mir rüber, geht mit der Hand an den Hebel, zieht ihn und drückt mich augenblicklich mit einem kräftigen Ruck in den Sitz und schmeißt mich unter Schmerzen im Bein nach hinten. Was für ein asoziales Arschloch. Wir fahren nach draußen und er raunzt ein "WOHIN?". Ich sage ihm die Straße und er fährt in seiner alten Schrottmühle los. Während die anderen Taxis bisher immer ruhig, leise und sanft, top ausgestattet waren, war sein Auto staubig, dreckig und klang vom Motor her wie 20 Jahre alt. Jeden Kolben konnte man hören, die Stoßdämpfer quasi nicht vorhanden und ein Fahrwerk, das nur noch durch sein Eigengewicht auf der Straße gehalten würde. Lange Rede, kurzer Sinn. Das war die erste Fahrt meines Lebens, bei dem ich bis auf die eben beschriebenen Sätze nicht ein Wort mit dem Fahrer gewechselt habe. So ein unsympathischer stoischer depressiver alter Sack war mir lange nicht untergekommen. Man konnte förmlich den schwarzen Rauch sehen, der aus seinem Kopf aufstieg und das Feuer um seine Hörner. Worüber und warum hätte ich also mit diesem Mann kommunizieren sollen? Daheim angekommen, hält er mir wortlos den Block zum unterschreiben hin, steigt aus und gibt mir die Krücken. Ich sage Danke und wünsche ihm (leider) einen schönen Tag. Er reagiert nicht, steigt ein und fährt weg. Hornochse! Später am Nachmittag rief mich die Physiotherapie an. Es war eine Dame dran, die sich um meine Termine für die zweite Physio-Welle kümmern würde. Von der (dritten) D-Ärztin war nämlich Bewegungs-Bad auf eine neue Verordnung geschrieben worden. Da dies nicht in der laufenden Therapie geändert werden konnte, sollte es nun zur Anwendung kommen. Leider gab es das Problem, dass das Bewegungsbad nur in der Außenstelle verfügbar ist und nicht in der Zentrale, wo ich in Behandlung bin. Meine Priorität war allerdings, dass ich weiter bei Vicky meine Stunden absolvieren kann. Nicht nur, weil wir uns sympathisch sind, sondern weil sie auch genau Bescheid weiß, wo ich gerade stehe und an welcher Stelle wir weitermachen müssen. Dauernd den Therapeuten zu wechseln, hielt ich für kontraproduktiv. Also sagte ich das der Dame am Telefon so. Ich hatte damit ihr Verständnis, wobei sie nachfragte, ob wir das Bewegungsbad dann einfach wegfallen lassen sollten. Doch auch das war nicht in meinem Interesse. Wenn mir etwas empfohlen und verschrieben wird, will ich das auch mitnehmen. Also kommt mir im Laufe des Gespräches die Idee, dass ich die eine Therapie in der Zentrale und die andere Therapie in der Nebenstelle mache. Die Dame am Telefon stöhnt: "Das wäre ja ein gewaltiger Aufwand, das zu planen." Ich grinse ins Telefon und antworte lediglich: "Ja, nur zu." Es seufzt am anderen Ende, aber sie ist einverstanden. Na da bin ich ja mal gespannt. ~ Donnerstag, 16.01.2014. ~ Oh, keine Termine. Dafür kommt mich eine sehr gute Freundin besuchen. Fast vier Stunden reden wir. Zum Ende hin darf sie mir noch die Gießkanne füllen und in die jeweiligen Zimmer tragen, damit ich die Blumen gießen kann. Bescheuert, dass ich nichtmal das kann. Dann stellen wir die volle Gießkanne im Wohnzimmer hinter der Couch ab, damit ich wenigstens in einem zimmer später selbst die Blumen bewässern könnte. Den Rest des Tages mache ich als eigen-verordnete Hausaufgabe viele Übungen der letzten Tage, wie z.B. das heben und senken des Fußes im Sitzen. Selbst das fällt mir durch den Wadenmuskel aktuell schwer. Durch den nächtlichen Schlaf werden die Dehnungen und Lockerungen der Wade leider zu 98% wieder zurückgesetzt, so dass ich am folgenden Tag beinahe wieder bei Null ansetzen muss. Dann versuche ich mich an der Übung auf dem Bauch, lege mich im Wohnzimmer hin und versuche das Bein anzuwinkeln. Allerdings ist das so schmerzhaft am Tibiakopf, dass ich stoppe und lieber Vicky dazu befragen wollte. ~ Freitag, 17.01.2014. ~ Den Morgen verbringe ich zweieinhalb Stunden mit Bürokratie und bereite verschiedene Post an mehrere Stellen vor. Unter Anderem an die Berufsgenossenschaft, die meine ersten Unterlagen verschlampt hatten. Danach hätte ich gerne ein Schläfchen gehalten, doch ich musste los. Zur Physio. Den Taxifahrer bitte ich wieder, ob er meine Briefe einstecken kann. Wir fahren los, biegen ab, halten vor dem Briefkasten und er weist mich darauf hin, dass dieser wohl stillgelegt wäre. Waaaas? Am Mittwoch hatte ich dort (ebenfalls vom Hin-Taxifahrer) noch Briefe einwerfen lassen. Nun war das Uhrzeitenschild und alle Aufkleber vom Briefkasten verschwunden. Na super, von einem auf den anderen Tag mitten im Monat stillgelegt? Hmm... wir fahren weiter. Während der Physio rede ich mit Vicky anfänglich über TV-Serien und Trash-TV. Wir lachen viel und stören vermutlich die Kollegen nebenan. Dann kommen wir über die neuen Termine zu sprechen. Auch sie begrüßte es sehr, dass ich mich dafür eingesetzt hatte, weiter bei ihr zu sein. Aus ihrer Sicht war es ebenfalls leichter, statt ständig wechselnde Patienten zu haben, mal einen bis zum Ende zu begleiten, besonders wenn er so umgänglich ist wie ich *hust*. Leider würde sie aufgrund einer Weiterbildung und Urlaub die nächste Woche nicht verfügbar sein, wodurch ich doch kurzzeitig verschiedene Kollegen haben würde. Ich befragte sie zu meiner schmerzhaften Übung am Vortag. Sie meinte, dass es an meinem harten gerade Boden lag, da die Pritsche sehr weich gepolstert und schräg angesetzt ist. Nichtsdestotrotz sollte ich die Übung weiter versuchen, der Schmerz wäre die fehlende oder überspringende Muskulatur, bzw. einzelne Sehnen, die durch den Heilungsprozess noch ihre Positionen innerhalb des Knies ändern und quasi im Fleisch zwischen Knochen und Metall herumflutschen. So komme ich zu der Frage, ob denn das beim Laufen lernen ohne Krücken schlagartig besser werden würde. Leider nimmt sie mir den Wind aus den Segeln, denn in den ersten Wochen des Laufens würde offenbar wieder ein starker Knochenschmerz auftreten, da die frisch gebildete Knochenmasse nicht daran gewöhnt ist, mit meinem vollen Gewicht zusammengedrückt und wieder gelockert zu werden. Ohje. An der Rezeption frage ich später, ob sie meine voll frankierten Briefe mit der Hauspost verschicken können. Können sie natürlich nicht. Zum Glück kannte der Taxifahrer auf der Strecke des Heimweges eine Post, an der er anhielt und schnell die Briefe einsteckte. ~ Samstag, 18.01.2014 ~ Die ganze Woche über geplant, dass ich heute zum ersten Mal wieder zum Wochen-Einkauf mitkommen würde, sollte es 10 Uhr losgehen. Weil meine übliche Einkaufs-Crew nicht verfügbar wäre, hatte ich mich mit einem anderen Kumpel verabredet. Er hatte den zeitlichen Termin gesetzt. 10:15 Uhr schaue ich ins Whatsapp... hmm, zuletzt online gegen 02:44 Uhr?! Sieht mir nach einem durchgefeierten Freitag aus. Wetten, dass er verschlafen hat? Also rufe ich ihn an... nach 14x klingeln geht er ran und wirkt leicht überfahren. "Nach dem Medikamente nehmen bin ich wieder eingeschlafen." Whatever, mache hinne! :-) 10:35 Uhr starten wir. Angekommen, treffen wir viele Bekannte, wie die Schwester von meinem Hausarzt, die sofort nachfragt, was passiert ist. Also erzähle ich es ihr. Genau wie der Dame vom Obst, vom Fleisch, den Kassiererinnen, vom Kiosk, der Apotheke und vom Döner-stand. Die meiste Zeit verbringe ich vermutlich mit Gesprächen, dazwischen kontrolliere ich den Einkaufszettel und werfe alles in den Wagen, den mein Kumpel immer brav zu mir schiebt. Kurz vor der Beendigung unserer Runde treffen wir am China-Imbiss noch unseren ehemaligen Schuldirektor und Mathelehrer, unsere Eiche im Sturm, der uns zuletzt vor über 15 Jahren gesehen hat. Mit einem anderen Kumpel zusammen hatten wir ihn schon bei "Otto - Geboren um zu blödeln" in der Arena gesehen, wo wir beide live bei RTL in der Sendung von Gottschalk und Jauch "Die Zwei" zu sehen waren. Damals hatten wir uns nicht getraut ihn von der Seite anzuquatschen. Zwei Wochen danach sah ich ihn mit anderen Freunden im Park. Und da saß er nun. So wie wir ihn sahen, quatscht ihn mein Kumpel völlig ungeniert an. Er nennt seinen Namen, da mir aber bewusst war, dass er uns nach den vielen Jahren anhand der Namen nicht mehr zuweisen könnte, helfe ich etwas nach. Nach meiner Begrüßung nenne ich unser Abgangs-Jahr und den nächsten großen Punkt: Mit zwei Freunden zusammen haben wir insgesamt drei Jahre die Bibliothek geleitet, die sich direkt neben seinem Büro befand. Während ich bezahlen muss, redet mein Kumpel mit ihm und als ich mich umdrehe, ist er schon im Gehen und verabschiedet sich. Schließlich fahren wir noch zu Kaufland - eine Melone musste noch her! Hmm, da liegen nur zwei. Ich hebe die Erste an und klopfe... *glumpf* *glumpf*... Igitt... die gärt ja schon innen... ich hebe die Zweite hoch und klopfe... *glurgs* *glurgs*... BÄÄÄH... ekelhaft. Eine gute frische knackige Melone muss beim klopfen schließlich *klock* *klock* machen, wie ein 40x40mm Holzbalken, auf den man klopft. So schaute ich noch nach den extrem teuren Mangostanen (googelt es ruhig) und kaufte eine Packung. Am Unfalltag hatte ich mir neben der Melone übrigens ebenfalls eine Packung Magostanen gekauft. Hat deren Inneres doch den intensivsten und süßesten Geschmack aller im Handel erhältlichen Früchte. Genau 13 Uhr sind wir wieder Zuhause. Bein und Fuß dick, verhärtet und kalt, machen mir doch die Schwielen an den Händen fast mehr zu schaffen, die ich durch das lange Laufen an den Krücken bekommen habe. Jedoch dominierte das Knie recht schnell wieder, denn jetzt trat da alle 15 Sekunden ein puckernder Schmerz im Knie auf. Ist das der Lauf-Schmerz von dem Vicky gesprochen hat? ~ Sonntag, 19.01.2014. ~ Oh nein. Weil ich gegen 1 Uhr nicht so recht einschlafen kann, breche ich meine Couch-Bett Regel, gehe sofort ins Bett und muss es bitter bereuen. Gefühlte 100 Mal wachte ich die Nacht über auf. Werfe mich unter Schmerzen von links nach rechts. Jede Position tat weh. Kissen rein, Kissen raus. Ich friere dauernd, weil der Sturm draußen immer wieder das leicht angeklappte Fenster aufklappt. Wie sich in den folgenden Tagen zeigte, erkältete ich mich dadurch etwas. So quäle ich mich bis 6 Uhr. Tagsüber hatte ich dann einen cholerischen Ausbruch, denn wieder mal fällt eine Krücke um. Dieses Mal fällt sie nicht in irgendeinen Blumentopf und sprengt wie ein Blitzknaller Erde durch die Luft, sondern sie fällt exakt auf die Gießkanne hinter der Couch. *gluck* *gluck* *glorg* Zwei Liter Wasser ergießen sich über den Teppichboden. Nur langsam kann ich mich auf den Boden begeben und sie aufzustellen, bevor ich den Scheuerlappen aus der Küche hole und anschließend lauthals durch die Wohnung schreie. Verschissene Krücken, egal wo ich sie anlehne, ob in der Wohnung, bei Freunden, in der Physio; nach durchschnittlich 10 Sekunden fällt ständig eine um. ICH HASSE SIE!!! AAAaaaAAAaaaAAhHHHhh! Hätte ich mir den Hass doch nur für den zweiten Ghostrider-Teil aufgehoben... To be continued... nächstes Kapitel: Doppelter D-Arzt Irrsinn³ und Ghostrider - Teil 2 PS: Hallo an die zwei neuen Kollegen. Ich hatte am Freitag den 13.12.13 einen Unfall, das ist meine Geschichte dazu. :-) -- Mit freundlichen Grüßen Carsten Zinke - xRes Support - ________________________________________________________ TraSo GmbH Georg-Schumann-Str. 294 D-04159 Leipzig Tel.: +49 341 909 87 45 / Fax: +49 341 909 87 49 E-Mail: c.zinke@traso.de Internet: http://www.traso.de ________________________________________________________ Geschäftsführer: Haiko Gerdes Handelsregister: Amtsgericht Leipzig, HRB 21850