--------------- Guten Rutsch euch allen! Am 01.01.2014 setze ich aus, das nächste Kapitel wird am 02.01. veröffentlicht. --------------- Mittwoch, 18. Dezember. Das Essen kommt pünktlich 12 Uhr. In dem Moment wache ich auf. Sie will es mir wieder auf die Lade am Nachttisch stellen. Ich verneine und wünsche, dass sie es auf den Tisch stellt. Nachdem sie raus ist und ich bemerke, dass mein Bettnachbar ausgeflogen ist, schnappe ich mir die Krücken und hieve mich an den Tisch, drehe einen Stuhl zu mir, setze mich hin, und fange an zu weinen. Freudentränen überkommen mich, weil ich wie ein normaler Mensch an einem Tisch auf einem Stuhl sitzen kann (auch wenn die Position etwas zu wünschen übrig lässt) und dabei aus dem Fenster schauen kann. Der Fisch in Zitronensauce schmeckt sogar erstaunlicherweise mal. Vielleicht auch nur, weil er mit Euphorie abgeschmeckt ist. Nach dem Essen begebe ich mich wieder auf direktem Wege ins Bett. Gegen 13:00 Uhr Uhr erscheint ein bisher unbekanntes Nachmittags-Physio-Mädel mit einem lustigen bayerischen Rest-Akzent und will mit mir Übungen machen. Weil sie süß ist und ich mir heute schon genug Blöße gegeben habe, strenge ich mich an. Sie testet die Kraft im Wadenmuskel, denn ich komme noch immer nicht über die 70° hinaus und sie diagnostiziert einen verkürzten Wadenmuskel im Zuge des Unfalls. Dass ich das Bein nicht heben kann, konnte sie sich allerdings nicht erklären und schob es lapidar auf die Schwellung im gesamten linken Bein. Dann testete sie die Kraft der übrigen Gliedmaßen durch. Rechtes Bein: Ok. Rechter Arm: Ich solle sie mit dem Bizeps mit voller Kraft Richtung Wand drücken. Ich schaue sie ungläubig an und frage nach: Mit voller Kraft? Dass könnte aber böse für Sie ausgehen. Sie grinst, nickt und hält meinen Unter-Arm fest umklammert. Dann gibt es einen kurzen Ruck. Ungefähr 5cm, bevor ihr Kopf an der Wand hinter meinem Bett aufschlägt, lasse ich locker, drücke dagegen und bremse sie ab. Etwas überrascht von der unterschätzten Situation ist ihr Lächeln kurzzeitig durch den Schreck gewichen und sie flüstert nur ein: "Oh, das funktioniert ja offenbar sehr gut." Ich grinse nur. Bei der anderen Seite lasse ich es sanfter angehen und sagte ihr das auch. Auch wenn man es mir es äußerlich nicht unbedingt ansieht, Kraft ist jedenfalls noch genug vorhanden. Dann soll ich mal das Bein anwinkeln. Weil ich das Bein dafür allerdings nicht anheben kann, hilft sie nach und ich solle Stop sagen, wenn es unangenehm wird. STOP. Sie misst. 68 Grad. Viel ist das nicht. Mir machen noch recht viele Trockenübungen im Bett. Mindestens 40 Minuten. Mein Bettnachbar (der nun wieder da war) grinste immer wieder, wie das Physio-Mädel und ich uns immer wieder gegenseitig musterten. Dann soll es wieder raus auf den Flur gehen. Ich steige aus dem Bett und bemerke doch noch eine leichte Allgemein-Schwäche. Egal, anstrengen! Ich humple los und mir wird die gestrige Unaufmerksamkeit zum Verhängnis. Prompt setze ich die Füße falsch auf. Sie erklärt mir nochmal wie es geht, diesmal achte ich drauf. Nach 2 Versuchen läufts. Wir bewegen uns nach draußen. Wieder links in den Gang, am Schwesternzimmer vorbei, laufen wir in Richtung des mittig von der Station ausgelassenen aber umglasten Innenhofes, durch den man in die anderen Etagen bis ins Erdgeschoss schauen konnte. Kurz vorher fragt sie mich, wie es mir geht. Ich gebe an, dass ich zwar momentan noch okay wäre, sich das aber schnell ändern könne, da ich von den Trockenübungen außerordentlich erschöpft wäre, das zusammen mit der Kollaps-Abgeschlagenheit nicht einschätzen könne und ich daher lieber umkehren würde. Sie achtet verstärkt auf meine Schritte. Auf dem Rückweg kommt die kleine Physio-Griechin vorbei und bleibt als Unterstützung an meiner Seite, falls ich schwächeln sollte. Langsam bewegt sich der Knee-Train vorwärts. Tschuuu... Tschuuu... ein paar Minuten später bin ich am Bett. Ich lege die Krücken ab und mich hinein, decke mich zu, verabschiede die beiden Physio-Mädels drehe mich rum und bin wieder mal weg. Irgendwann wache ich ein wenig auf. Ohne die Augen zu öffnen, höre ich wie jemand reinkommt und eine Frauenstimme sagt: "Den haben die Physios erledigt." Schon schlafe ich wieder. Dasselbe Procedere etwas später. Die Tür geht auf, ich wache leicht aber nicht ganz auf. Der Nachmittags-Kaffee. "Wollen Sie etwas?" tönt es schrill durch den Raum. Apfelsaft murmel ich. "Und einen Kuchen?" wird erwidert. Die Antwort darauf kann ich nicht mehr geben, denn ich schlafe bereits wieder. Gegen 15:00 Uhr erwache ich neben Apfelsaft und Zupfkuchen und fühle eine Veränderung. Etwas... steigt... in... mir... auf...! Kraft. Enthusiasmus. Selbstbewusstsein. Ehrgeiz. Klarheit. Freiheit. Wie Schalter, die parallel umgelegt werden, läuft mein System wieder innerhalb normaler Parameter. Ich fühle mich endlich wieder wie ein Mensch; wie ein Mann und entsteige wie ein Phönix aus der Asche meiner schwächlichen Barriere-lastigen gedanklichen Krankenhaus-Dasein-Hülle. ICH BIN WIEDER DA! Dann erscheint die Physio-Dame vom Vormittag und bringt einen Apparat herein. Sie nimmt mein Bein aus der Schiene und legt es in dieses Gerät herein. Dabei handelt es sich um eine Automatik-Schiene, mit der das Bein vollautomatisch gestreckt und angewinkelt wird. Wir tasten uns langsam an die Beugung der 68 Grad heran und stellen dann fest auf 65 Grad ein. So läuft das Gerät 30 Minuten lang durch und streckt und beugt alle 30 Sekunden im Wechsel mein Bein. Durch das monotone Gesurre nicke ich mehrmals fast weg. Nach dem Ende der Übung schlafe ich noch etwas. Das Gerät verblieb derweil im Zimmer. Als ich gegen 17:30 Uhr vernehme, wie der Wagen mit dem Abendessen auf dem Gang herumfährt, schnappe ich die Krücken und laufe nach draußen. Die Vollgeheult-Schwester hilft bei der Essensausgabe, sieht mich und ihm entfährt ein: "Oh, wen haben wir denn da? Das sieht ja richtig gut aus! Weiter so." Ich spürte nicht die geringste Ironie oder einen eventuellen Sarkasmus in diesem Satz, war stolz und bedankte mich. Dann hielt der Wagen vor unserer Tür. Endlich konnte ich sehen, was ich hätte alles bestellen können. Dementsprechend schlage ich zu. Mehr Wurst, mehr Gemüse und endlich mal Obst. Einen Apfel, eine Banane, eine Clementine, eine Kiwi, dazu verschiedene Joghurts und ein Ei. Obwohl ich die Clementine und den Joghurt zusätzlich für meinen Bettnachbarn nahm. Alles das lag jedenfalls immer mit auf dem Wagen, wurde aber nie extra erwähnt. Dann gab es nur zugewiesenes 08/15-Standard Bemmchen mit ein bis zwei Wurstscheiben. Auch das ließ ich mir wieder an den Tisch stellen. Nach dem Abendessen verspürte ich durch meine neugewonnene Freiheit den Drang, die Gegend erkunden zu wollen und die erste richtig große Strecke zu laufen. Und schon ging es los. Ab nach draußen, links vorbei am Schwesternzimmer, einmal komplett rum um den Innenhof. Zwischendurch musste ich mal auf einer Bank pausieren. Die Freudentränen überkamen mich wieder kurzzeitig. Am Ende der Runde stand ich vor einer Tür, hinter denen die bekannten Aufzüge warteten. Ich schaute auf die angrenzende onkologische Station sowie bei dem Besucher-Aufzug vorbei, bevor ich nach dem - insgesamt 30 Minuten andauernden - Marsch die Heimreise antrat. Immer wieder sprach ich unterwegs mit den Schwestern. Die Kleine meinte irgendwann, während sie an mir vorbei lief, dass ich bald wieder schneller sein müsse als sie. Ich grinste. Zurück im Zimmer setzte ich mich auf dem Stuhl und schaltete den Fernseher ein. Mittlerweile 18:15 Uhr, sah ich das Ende der ProSieben-Newstime und zog mir zwei Folgen Die Simpsons rein. Nach deren Ende gegen 19 Uhr, ging ich endlich mal eigenständig ins Bad und konnte all meine Pflegeprodukte in aller Ruhe benutzen. Bis 22 Uhr schauten wir noch diverse Sendungen im TV, bevor wir das Licht zum Schlafen ausmachten. Nach gefühlten 100 Tagen konnte ich erstmals wieder schlafen. Nur gegen 4 Uhr wachte ich einmal auf. Die Tablettenschwester gegen 5:30 Uhr bekam ich erstmalig nicht mit. Beim Eintreffen der Ärzte-Schar gegen 8 Uhr, musste ich allerdings feststellen, dass ich für meine neue Freiheit einen hohen Preis zahlen musste. Denn es gab ein gewaltiges Problem. To be continued... nächstes Kapitel: Stau -- Mit freundlichen Grüßen Carsten Zinke - xRes Support - ________________________________________________________ TraSo GmbH Georg-Schumann-Str. 294 D-04159 Leipzig Tel.: +49 341 909 87 45 / Fax: +49 341 909 87 49 E-Mail: c.zinke@traso.de Internet: http://www.traso.de ________________________________________________________ Geschäftsführer: Haiko Gerdes Handelsregister: Amtsgericht Leipzig, HRB 21850