Hallihallo zusammen,
weil ich aktuell viiiel Zeit habe und ein
wenig Mitteilungsbedürfnis verspüre, möchte ich euch nun auch auf diesem
Wege an einem kurzen Abschnitt meines Lebens teilhaben lassen. Einige
haben per Whatsapp/SMS/Telefon schon die Kurzversion erhalten, hier die
ausführliche.
Am Freitag fuhr ich wie an jedem gewöhnlichen Abend zum
Feierabend nach Hause. Die Zeit war etwas später als sonst, weil meine
Kollegen das Büro - angekündigt - schon eher verlassen hatten und ich
bis 17 Uhr die Stellung halten musste.
Nur einer von zwei wichtigen
Faktoren des Tages, die mein Leben leicht verändern sollten, denn am
Morgen hatte ich noch für 5 Minuten überlegt, mit dem Auto zu fahren.
Ich schwang mich also auf's Fahrrad, die Kaufland-Melone im Rucksack
verstaut und selbiger gut auf dem Gepäckträger befestigt. Da ich in 60
Minuten erwartet würde, musste ich pünktlich starten, war aber nicht in
Eile, weil ich für den ersten Teil der Strecke 30 Minuten Zeit hatte,
diesen aber Erfahrungsgemäß in gemütlichen 20 Minuten meistern könnte.
In voller Vorfreude auf den Abend und die kommenden 2 Tage, die unter
Anderem eine Party bei mir beinhalteten, fuhr ich die ersten Straßen
entlang Richtung Auensee.
Am Haus Auensee vorbeigekommen, schaute ich
hinter mich, sah dass bis zum passierten Haus kein Auto zu sehen war und
fädelte ich mich vor der 30er-Brücke von der Fahrradspur mittig auf die
Straße ein, um StVO-gemäß links abbiegen zu können. Mit Handzeichen und
Licht, wie ein Auto-fahrender ordentlicher Verkehrsteilnehmer. Weil mir
ca. 10 Autos im Gegenverkehr entgegen fuhren, hielt ich an und setzte
das linke Bein zur Stabilisierung auf den Boden.
Es vergingen ca. 5
Sekunden.
Dann spürte ich einen gewaltigen Ruck von hinten, mein
Körper bewegte sich nach oben und vorne, mein Kopf neigte sich in
entgegengesetzter Richtung ruckartig nach hinten und ich sah wie in
Zeitlupe laufend, die Sterne über mir. In dieser Sekunde dachte ich:
"Scheiße, hier stimmt was nicht"
Langsam passte sich mein Kopf meinem
restlichen Körper an, ich sah wieder nach vorne, erreichte
Normalgeschwindigkeit und stellte fest, dass ich in Richtung
Gegenverkehr flog und mich ca. 10 Meter entfernt von meiner alten
Position in 2 Meter Höhe befand.
Dann schlug ich auf.
Durch mein
T-Shirt, den Pullover und die Jacke schlug ich gut abgefangen mit der
rechten Körperhälfte auf dem Asphalt mit gestrecktem rechten Bein und
angewinkeltem linken Bein auf und bemerkte, dass der Gegenverkehr
gefühlte 5cm an meinem Kopf vorbei fuhr. Im Schock wollte ich sofort
aufstehen und die Fahrbahn erstmal verlassen, bevor mich irgendein
anderer Penner noch überrollen würde. Als ich mich gerade nach oben
stemmen wollte, schoss mir blitzartig durch den Kopf, dass das eine
Schockreaktion ist, ließ locker und entschied liegen zu bleiben. Um
etwas Abstand zwischen den Autos und mir herzustellen, drehte ich mich
liegend auf die rechte Seite. In dem Moment begann ich vor Schmerz zu
jammern, denn irgendwie war etwas mit meinem linken Knie.
Ich konnte es
für die Drehung nicht mehr strecken und es tat höllisch weh. Während ich
vor mich hin wimmerte, kamen plötzlich irgendwoher Leute, fragten wie es
mir geht und was ich mir getan habe. Da ich ständig "mein Knie, Scheiße
mein Knie" wimmerte, war der Punkt schonmal geklärt.
Ein Herr rief den
Krankenwagen, eine Dame holte mir eine Decke für meinen kalt werdenden
Rücken und ich fragte, wieso sie mir nicht einfach die Jacke wieder
runterziehen würde. Daraufhin meinte sie: "Das ist eine Jacke?"
Später
erfuhr ich, dass die Jacke am Rücken von oben nach unten beim Aufprall
in zwei Teile gerissen wurde.
Ich hatte mich etwas beruhigt und
überdehnte meinen Kopf nach oben. Ich sah mein Fahrrad liegen, das
Hinterrad völlig zerfetzt, der Schlauch guckte Luftlos raus, der Sattel
lag 5 Meter weiter und Einzelteile lagen herum. Ich bat einen dritten
Mann darum, meinen Rucksack, den ich nicht sah, und das Rad von der
Fahrbahn zu nehmen. Daraufhin meinte eine vierter Mann, dass das Fahrrad
liegen bleiben solle für die Beweisaufnahme und dass Polizei und
Krankenwagen gleich da wären. Da so viele Leute herum liefen, fragte
ich, wer mich denn eigentlich angefahren habe. Alle zuckten mit den
Schultern und fragten sich gegenseitig. Während sie umher liefen, fiel
mir ein ca. 60-jähriger Rentner auf, der mich sichtlich blass anschaute
und nur beteiligungslos herumstand.
Welch Überraschung: Er gab sich
als der Verursacher an.
/facepalm
In dem Moment interessierte es
mich brennend, mit welcher Geschwindigkeit er mich getroffen hatte. Er
fing nur an zu stammeln: "Naja, hier ist ja eine 30-Zone... bla...
laber... sülz..."
Der Krankenwagen kam in Richtung meines Kopfes
gefahren und ich hoffte, dass er rechtzeitig bremsen würde. Die
Sanitäter fragten mich zum Zustand aus und da ich zu jeder Zeit völlig
klar war, beantwortete ich alles und dass ich nur das Knie mit einem
Schaden vermute.
Dann kam die eigentliche Herausforderung... die
Barre... denn aufstehen ging nicht, das Knie war irgendwie fest, aber es
bewegte sich innen alles ganz komisch knorpelig, knackte und flutschte
herum. Unter einigen Schmerzschreien, aber dennoch vorsichtig, gelang es
schließlich. Während sie mich ins Fahrzeug luden, sah ich erstmals das
Unfall-Auto... mit Delitzscher Kennzeichen... passte ja irgendwie...
Außerdem erkannte ich einen schönen Abdruck meines Fahrrads und mir
auf der Motorhaube.
Am Ende der Fahrt, die nächste Herausforderung: Ich
solle das Bein strecken, damit sie mir eine Schiene anlegen können. 5
Minuten dauerte es... ich hyperventilierte wie eine Schwangere bei der
Entbindung, so dass meine Finger anfingen zu kribbeln. Dann wollte sie
doch glatt meine Lieblings-Jeans zerschneiden... "WAS? Nee, dann quäle
ich mich lieber raus." Weitere 2 Minuten vergingen...
Naja, dann war
ich im Krankenhaus, bekam eine Flexüle, wurde geröntgt und war die ganze
Zeit am rumalbern. Meine Art um Stress abzubauen halt, was die Ärzte und
Schwestern allesamt aber positiv überraschte, da ihr üblicher
Patienten-Durchschnitt wohl bei 75 und senil-verrückt-scheintot liegt.
Das bemerkte ich dann auch anhand einer Frau, die dauernd flüchten
wollte und einer anderen, die ununterbrochen "um 6, um 7, um 8... ach
jetzt hab ich es falsch gesagt" wiederholte. Als mich beim Warten einer
der Pfleger dann fragte, ob ich noch irgendwas bräuchte, sagte ich: Ja!
Um 9, um 10, um 11!
Hinter dem Vorhang fingen lauter Ärzte und
Schwestern an zu lachen...
Später: Ein "äußerst komplizierter
Knie-Bruch" hieß es. "Können wir hier nicht behandeln. St. Georg oder
Uni?" Ich wählte die Uni. "Selbe Nacht noch OP" sagten sie. Die Polizei
kam, stellte Fragen und wollte wissen wohin mit dem Schrott. Unterdessen
schrieb ich fleißig Texte rum und schickte einige Freunde los, Sachen
für mich zu erledigen. Arbeit informieren, Brille besorgen, weil die
Linsen raus mussten, die Fahrrad-Reste entgegen nehmen, Zeugs für die
kommenden Tage aus der Wohnung holen und Arzt-Termin für kommende Woche
absagen und informierte alle über Whatsapp, so dass ich permanent am
schreiben war. Der Akku fiel rapide und war schon bei 6% angekommen.
Nicht sterben!!!
Mein bester Freund war indes schon 5 Minuten vor dem
Krankenwagen an der Uni angekommen, ließ sich dann die Schlüssel geben
und brauste los.
Im Laufe der Zeit erfuhr ich, dass die OP verschoben
wurde, musste irgendwelche Abstriche machen lassen, wollte mein Röntgen-
und CT-Bild sehen und bekam erklärt, wie der untere Bereich des Knies im
wahrsten Sinne des Wortes explodiert ist und nur noch aus Splittern
besteht. Nach der OP würde ich wohl ein metallenes Außengestell in zwei
Richtungen tragen. Mit Physio und allem drum und dran würde es ca. 3
Monate dauern.
Die Zeit verging, ich redete lange mit meinem Kumpel,
der die Brille gebracht hatte und sollte dann auf's Zimmer verlegt
werden. Ich wollte was trinken, ließ mir den Rucksack reichen und
stellte erstaunt fest, dass beide Karabinerhaken abgerissen waren, aber
die Melone im Rucksack den Vorfall heil überstanden hatte... super...
Ein - mittlerweile - fünftes Mal durfte ich unter wahnsinnigen
Schmerzen auf ein anderes Krankenbett wechseln und war etwas erstaunt
als ich in Richtung Zimmer geschoben wurde und die Uhrzeit an der Decke
sah. 22:45 Uhr!
Dann folgte eine Horrornacht mit ca. 10
Minuten
Schlaf und ununterbrochenen lähmenden Schmerzen. Am Tag hieß es dann: Am
Sonntag ist OP, erst da kommt der Knie-Spezialist. Die Stunden vergingen
wieder, mein erster Krankenbesuch kam und brachte mir alles für den
täglichen Gebrauch und was zum zocken vorbei.
Ich wurde über die
Narkose aufgeklärt, nickte den ganzen Tag über immer wieder weg, wenn
ich Schmerzmittel bekam und konnte des Nachts wieder kaum schlafen,
diesmal allerdings vor Aufregung und weil diese starre Position einfach
nervte.
Am darauf folgenden Morgen stellte sich der operierende Arzt
vor, interessanterweise nicht viel älter als ich und beantwortete meine
Fragen. Ich würde jetzt in der aktiven Queue stecken, aber von der Prio
läge ich eher hinten. Außerdem könne ich noch 3-4 Tage so liegen und sie
könnten noch problemlos operieren.
What the fuck?!
Ich bekam ein
Netz-Dessous-Höschen für die OP, eine letzte Infusion und dann... ...
... dann kam die Nachricht, dass ein junger Mann mit Querschnittslähmung
eingeflogen wurde, meine OP daher auf Montag verschoben ist...
Nun
liege ich also immer noch bewegungsunfähig und in der gleichen Position
wie bei der Einlieferung hier, der dritte Besuch war schon hier auf
Station 31, Zimmer 76 und ich warte weiter unter Schmerzen... und weil
die OP dauernd verschoben wird, bekommen die das auch mit dem
Schmerzmittel richtig gut organisiert... NICHT! Muss andauernd hinterher
rennen.
Wenn alles gut läuft, könnte ich Silvester schon raus sein aus
der Klinik.
Nun sitze ich hier und bete, dass bei der OP nicht
gepfuscht wird und ich das Knie wieder zu 95% oder mehr wie vorher
hinbekomme.
Danke für all die lieben Genesungswünsche bisher. Bin
aktuell erstmal versorgt.
Stand: 15.12.2013, 19:30 Uhr.
Viele Grüße
Carsten
- Mit dem iPhone gesendet. -